COPYRIGHT Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur benutzt werden. Deutschlandradio Kultur Forschung und Gesellschaft vom 24.6.2010 Nackt im Netz Was Sexualforscher über Internetpornographie wissen Von Svenja Flaßpöhler Zitator: Ein Kreis formt sich; er wird von sechs Mönchen gebildet, die jeweils von zwei Mädchen und einem Knaben umgeben sind; Justine wird in der Mitte aufgestellt ... Sie kommt zu Severino, der den Hintern des fünfzehnjährigen Mädchens begrabschte, welches überdem vom kleinen Lustbuben gestipst wurde; mittlerzeit zwang er das eine dreißigjährige Mädchen, den Schwanz des Jünglings zu lecken; denselben Dienst ließ sich der Mönch erweisen, wobei er ihr Arschloch bezüngelte. Sprecherin: Eine Szene aus dem Roman "Justine und Juliette", verfasst 1797, von Donatien Alphonse Francois de Sade. Zitator: Sie wechselt zu Clément, der sich gerade daran ergötzte, der Fünfundzwanzigjährigen Arschklitschen zu verabreichen ... Justine schwenkt ihren Popo aus; Clement küsst ihn und schnuppert an ihren Achselhöhlen. Sprecherin: Jede Zeit hat ihre Medien. Und jede Zeit hat ihre Pornographie. Die schriftliche Pornographie, wie sie der Marquis de Sade am Ende des 18. Jahrhunderts verfasste, war eine Pornographie reiner Phantasie. Die Grenzüberschreitungen und Ausschweifungen, die er zu Papier brachte, entsprangen allein seiner Imagination, und auch der Leser konnte sie sich lediglich vorstellen. Am Ende des 19. Jahrhunderts erfanden die Brüder Lumière den Film. Nun wurde der Koitus sichtbar - zuerst vage, schemenhaft, später dann in grell ausgeleuchteter Großaufnahme. An die Stelle der Phantasie war der real vollzogene Geschlechtsakt getreten. Heute, im 21. Jahrhundert, leben wir in der Zeit des Internets. In der Zeit von DSL, Webcam und Livestream. Musik 1 Midaircondo - Track 2 (digitales Knacken) Bei 00:10 hochfahren, 15-20 Sekunden stehen lassen, vor dem Sprecherinnentext ausblenden Sprecherin: Um einen Porno herzustellen, braucht man heute keine professionellen Darstellerinnen und Darsteller mehr, keine Kameraleute, keine Scheinwerfer, keine Mikrophone, kein Drehbuch und auch kein Budget. Pornographie in Zeiten des Internets heißt: Direktreport aus dem Schlafzimmer. Frauen räkeln sich zu Hause vor Webcams, während Männer sie über das Internet dabei beobachten. Paare filmen sich selbst beim Sex und stellen die Bilder anschließend online. Das einzige, was sie dazu brauchen, ist eine Digitalkamera. Und einen Internetanschluss. So real wie heute war Pornographie noch nie. O-Ton / Atmo Leises Schmatzen, Rascheln ... Sprecherin: Eine Frau kniet vor einem Mann. Sie ist komplett angezogen, so, als wäre sie gerade zur Tür hereingekommen. Ihre Haare sind zum Zopf gebunden. Man sieht sie von oben, aus der Perspektive des Mannes, denn er ist es, der die Kamera hält. Hin und wieder schaut die Frau hoch, direkt in die Kamera, das Bild wackelt, ist unscharf, und doch sieht man genau, was sie tut. Zu finden ist der Clip auf der Internetseite "youporn". "Youporn" ist eine Plattform, auf der neben Ausschnitten aus professionellen Pornofilmen auch Amateurclips konsumiert werden können, ohne jede Zugangsbeschränkung. Aber was treibt Menschen eigentlich dazu, private Sexfilme ins Netz zu stellen? Warum präsentieren sie der Welt ihr Intimleben? Michael Schetsche, Soziologe an der Universität Freiburg: O-Ton Schetsche: Ein Grund ist, dass Einzelpersonen oder Paare einen Austausch suchen. In Kontakt mit anderen treten wollen, das heißt, sie posten dann Bilder, die posten dann Filme von sich, das ist dann ne typische Strategie von Paaren, die sagen, wir wollen so genannte gleichgesinnte Paare kennenlernen. Sprecherin: Der private Sexclip als Kontaktanzeige. Und was ist mit all jenen Menschen und Paaren, die an Partnertausch gar nicht interessiert sind? Wie schafft es eine Internetplattform wie "youporn", dass Männer und Frauen ihr Sexualleben dort auch ohne jede Gegenleistung zur Schau stellen? O-Ton Schetsche Sie müssen nur ne Seite aufmachen und sagen, schickt doch das heißeste Video, das ihr jemals gedreht habt, und schon ist ihre Seite voll. Sie müssen die Leute nicht erpressen, sondern das funktioniert ähnlich wie "Deutschland sucht den Superstar", das heißt: Sie müssen nur auffordern: Schickt mal was ganz Tolles ein, das wird bewertet, das wird geratet, und ihr könnt sozusagen da einen Nutzen für euch ziehen, indem ihr sagt: ja, toll, ich hab das am häufigsten angeklickte Video des Monats erstellt. Sprecherin: Es geht um die Klickrate. Um messbare Anerkennung. Der private Sexclip ist das vielleicht deutlichste Symptom einer Medienkultur, in der Narzissmus und Geltungssucht zu einer Art Überlebensstrategie avanciert sind: Angeklickt wird, wer sich zu präsentieren weiß; alle anderen verschwinden in den Tiefen des Äthers. Darüber hinaus geht es aber natürlich auch um Lust. Sich selbst beim Sex zu filmen heißt, die Kamera beziehungsweise den Zuschauer als Dritten mit in den Akt einzubeziehen. Der Zuschauer ist das göttliche Auge, das alles sieht. Und je intimer die Handlungen sind, die das Paar vor der Kamera vollzieht, desto erregender ist die Vorstellung, dass es dabei beobachtet wird. Häufig ist der Zweck eines Amateurfilms allerdings auch ganz profan finanzieller Natur. Wer sich private Sexclips auf "youporn" anschaut, entdeckt am unteren Rand der Filme meist eine weitere Internetadresse, weitere Hinweise, weitere Links: Zitatorin: "Hi, ich bin Susie. Besuch mich auf meiner privaten Homepage. Garantiert 100 Prozent Amateur. Heiße Webcamchats inklusive!" Sprecherin: Wer dem Link folgt, kommt ohne Kreditkarte nicht weiter. Wer Susie erleben will, ob im Amateurfilm oder im Livechat, muss zahlen. Private Sexclips bei "youporn" sind also nicht nur Ausdruck eines zunehmenden Exhibitionismus, sondern sie funktionieren auch als Werbung in eigener Sache. Musik 2 Midaircondo - Track 6 bei 00:47 hochfahren, 15-20 Sekunden stehen lassen, vor O-Ton ausblenden O-Ton Otzen Also, es ist grundsätzlich so, dass wir in den letzten Jahren den Trend gemerkt haben, dass es weggeht vom professionellen Film, den der Kunde konsumieren möchte, hin zu einem eher amateurhaften, privaten Charakter. Sprecherin: Jan Otzen, Direktor des Onlinebereichs bei Beate Uhse. Für ihn ist Sex vor allem eines: ein Produkt, das es gut zu verkaufen gilt. O-Ton Otzen Das hat auch damit zu tun, dass die Gesellschaft ein bisschen offener wird und dadurch auch exhibitionistischer und voyeuristischer, und wir sehen da ja, dass dieses Produkt auch nicht mehr so gut läuft, indem wir Standard-DVD-Inhalte anbieten, sondern der Kunde ist dran interessiert, auch private Inhalte zu sehen, die dann auch wirklich privat sind, also das ist nicht vorgegaukelt privat, sondern die Frauen sitzen wirklich zuhause an ihrem Rechner und räkeln sich dann vor der Kamera, und auch die Filme, die in Privatporno gezeigt werden, sind wirklich von nicht-professionellen Darstellern. Und gerade dieser amateurhafte Charakter, der jetzt in Filmen z.B. zum Ausdruck kommt, zeigt, dass da nicht ein großes Regiedrehbuch geschrieben wurde, oder dass da ein Produzent sitzt, der sagt, du musst jetzt aber dieses oder jenes machen. Sondern das Ganze kommt wesentlich authentischer einfach rüber. Und das glaube ich ist in der heutigen Zeit etwas, das die Kunden sehr interessiert. Sprecherin: Der Pornofilm bezieht seinen Reiz aus dem Realen. Er will den unzweifelhaft echten Sexualakt zeigen - und was wäre da besser geeignet als ein Amateursexfilm? Zwar wird der Geschlechtsakt auch in einem professionellen Porno vor der Kamera tatsächlich vollzogen - authentisch aber wirkt er deshalb längst noch nicht. Was ist schon authentisch an Silikonbrüsten? Wie vertraut wirkt ein Geschlechtsakt in grell ausgeleuchteter Großaufnahme? Und sind nicht auch die Situationen, in denen der Sex jeweils stattfindet, auf eine fast schon komische Weise konstruiert? Standardisierte Settings mit Schulmädchen, Krankenschwestern oder Sekretärinnen. Private Produktionen wirken anders. Die Szenen, die hier gezeigt werden, könnten sich genauso gerade in der Nachbarwohnung abspielen. Und je amateurhafter sie wirken - technisch und darstellerisch -, desto stärker entsteht der Eindruck, dass sie eben nicht für die Kamera inszeniert, sondern eher beiläufig mitgeschnitten wurden. Es ist allerdings nicht nur der Realitätseffekt, der Konzerne wie Beate Uhse statt auf den professionellen Pornofilm verstärkt auf private Produktionen setzen lässt. Seitdem es das Internet und seine Gratisangebote gibt, gerät die Branche zunehmend unter Druck. Warum sollte ein Pornokonsument überhaupt noch für etwas bezahlen, das es zwei Klicks entfernt auch umsonst gibt? Weshalb eine DVD bei Beate Uhse kaufen, wenn man auf "youporn" Dreiminutenclips kostenlos konsumieren kann? Vor der Erfindung des Internets erzielte ein Unternehmen wie Beate Uhse mit Pornofilmen 50 Prozent seines Umsatzes; heute ist dieser Markt nahezu verschwunden. Und auch die Videokabinen, die einst 100 Prozent Gewinn einbrachten, weil die Filme ohnehin in den Regalen standen, werfen kaum noch etwas ab. Der Soziologe Michael Schetsche: O-Ton Schetsche Da kann es sein, dass in Bezug auf diese pornographische Ware tatsächlich eine Änderung erfahren, als, und das sehen wir schon, einige Unternehmen, die über 20 oder 30 Jahre lang sehr erfolgreich in diesem Bereich aktiv waren, doch erhebliche ökonomische Probleme haben inzwischen, und das liegt eben daran, dass wir im Netz eine Vielzahl von sexualbezogenen Materialien finden, die eben frei ohne jedes Entgelt zugänglich sind. Und es wäre schon völlig verrückt, wenn man bei dieser Masse dieses freizugänglichen Materials dann noch sozusagen Geld ausgeben würde, um irgend welche Bilder runterzuladen. Von daher könnte es sein, dass die Idee, mit sexualbezogenen Daten Geld zu verdienen, demnächst an ihr Ende kommen wird, einfach weil das Internet so viel freizugängliches Material liefert, dass diese Unternehmen auch existenziell bedroht sind und schlichtweg aufgeben. Sprecherin: In einer solchen Situation muss sich die Pornobranche etwas einfallen lassen, und da kommt der Amateurporno gerade recht. Filme, die Privatleute mit einfachsten Mitteln in ihrem eigenen Schlafzimmer herstellen, muss ein Beate-Uhse-Kunde nämlich bezahlen, wie Beate-Uhse-Manager Jan Otzen erklärt: O-Ton Otzen Die kurzen Filme kosten 99 Cent, etwas längere Filme da geht es bis zu 3, 59 Euro mein ich hoch, oder 3,99 Euro, und der Produzent, sagen wir dazu, also die Dame oder das Paar, das uns den Film geschickt hat, bekommt von dem Umsatz, den wir generieren, 25 Prozent ab. Das ist also quasi deren Produktionsanteil. Also pro Abruf ihres Films verdienen sie Geld; wenn keiner diesen Film anschaut, bekommen sie auch kein Geld von uns. Sprecherin: Ein privater Sexfilm kostet weder in der Herstellung etwas noch in der Anschaffung. Private Produktionen bergen nicht das geringste finanzielle Risiko. Auch mit privaten Webcamdiensten kann ein Konzern wie Beate Uhse nur Gewinn machen. Geleistet werden diese Dienste von Frauen, die zuhause vor ihrem Rechner sitzen und darauf warten, dass ein Mann sie anklickt. Zum Beispiel Honey X. Zitatorin: "Alter: 33. Land: Deutschland. Geschlecht: weiblich. Rasiert: teilrasiert. Neigungen: bisexuell. Figur: schlank." Sprecherin: So lautet ihr Steckbrief. Auf der Übersichtsseite steht Honey X an achter Stelle, sie hat also recht gute Chancen angeklickt zu werden. Anders als NSLady72. Zitatorin: "Alter: 36. Land: Italien. Geschlecht: weiblich. Neigungen: Sexspielzeug, Dominant, Lack und Leder, Rollenspiele. Natursekt. Figur: mollig." Sprecherin: NSLady72 steht ungefähr an 250. Stelle, um sie zu finden, muss man sich erst einmal durch die ersten elf Übersichtsseiten hindurchklicken. Für jede einzelne Minute, die eine Frau mit einem Kunden ,online' ist, wie es heißt, wird sie bezahlt. Wird sie nicht ausgewählt, hat sie - buchstäblich - umsonst gewartet. Jan Otzen: O-Ton Otzen: Die Spitzenzeiten sind halt am Abend, da haben wir bis zu 700 verschiedene Damen, die sich dann da einloggen, und da es ja ein one-to-one-chat ist, ist es dann so, dass die ersten Damen, die im Gespräch sind, die fliegen dann raus, dann sind die nächsten in der Übersicht drin, und natürlich steuern wir es auch so ein bisschen aus den Erfahrungen. Wenn eine Dame zum Beispiel sehr gut ankommt bei den Kunden, sehr häufig konsumiert wird oder kontaktiert wird, dann stellen wir die natürlich deutlich weiter nach vorne auf der Liste der Webseite dar, als eine Dame, die nicht so häufig nachgefragt wird. Sprecherin: Die Frau vor der Webcam wird bezahlt wie eine Prostiuierte: Geld bekommt sie nur, wenn ein Kunde sich für sie entscheidet. Überhaupt erinnert der Webcamchat in mancherlei Hinsicht an Prostitution. Denn der Kunde sieht die Frau ja nicht nur, sondern er interagiert mit ihr. Per Chat bestimmt er, was die Frau auf dem Bildschirm tun soll. Vorbei die Zeit, in der ein Pornokonsument einfach nur passiver Beobachter war: In der Pornographie des 21. Jahrhunderts wird er selbst zum Akteur. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und virtuellem Bildraum ist durchlässig geworden. Musik 3 Midaircondo - Track 9 bei 0:25 hochfahren, 15-20 Sekunden stehen lassen, vor Sprecherinnentext ausblenden Sprecherin: Das Internet löst Grenzen auf. Das ist sein Reiz. Allerdings verschwinden dabei zunehmend auch jene Grenzen, die einst konstitutiv waren für die Pornographie. Zum Beispiel die Grenze zwischen öffentlich und privat. Der Soziologe Michael Schetsche: O-Ton Schetsche Bestimmte Dinge sind öffentlich, die tue ich öffentlich, die stelle ich auch öffentlich dar. Und bestimmte Dinge gehören in den Privatraum hinein, in den Familienraum hinein, in mein Haus hinein, in meine Wohnung hinein. Und vielleicht es da auch noch eine bestimmte Stufe, und bestimmte Dinge gehören noch nicht einmal in die gemeinsame Wohnung, sondern die gehören schlicht ins Schlafzimmer, um das mal plakativ zu sagen. Also das ist der Bereich des Intimen. Und früher war es völlig klar: Mit wem rede ich über private Dinge, mit wem rede ich über intime Dinge. Diese Grenzen, die werden durchlässig. Sprecherin: Mit den modernen Medien gelangt das Private in den öffentlichen Raum - und zwar in einem immer stärkerem Maße. Gespräche, die man früher zu Hause am Telefon geführt hat, werden heute am Handy in der Straßenbahn geführt; und was sich vor der Erfindung des Internets hinter geschlossenen Schlafzimmertüren ereignete, kann heute die ganze Welt auf "youporn" sehen. O-Ton Schetsche: Das heißt, wir können beobachten, dass diese Grenze zwischen öffentlich und privat sehr großflächig wegbricht, das betrifft eben auch die Grenze zwischen öffentlich und intim. Das heißt, was früher im Verborgenen im Schlafzimmer gemacht wurde, was nur zugänglich war den beteiligten Personen, wird jetzt öffentlich gemacht. Ich mache einen Film, dann kann ich eine Kopie machen, dann kann ich die Kopie ins Internet posten, und alle Menschen können das sehen. Und wenn das tatsächlich so ist, wenn diese Schwelle sozusagen zwischen öffentlich und privat, oder zwischen öffentlich und intim aufbricht, ist die Frage: Was könnte Pornographie noch bedeuten? Sprecherin: Das voyeuristische Prinzip der Pornographie ist der Blick durchs Schlüsselloch: Erregend ist, wenn man etwas sieht, das man eigentlich nicht sehen darf. Erregend ist das Private, Geheime, Intime, das, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt. Aber ergibt das Konzept von Privatheit überhaupt noch einen Sinn, wenn Frauen per Webcam die ganze Welt in ihr Schlafzimmer blicken lassen? Was kann Intimität noch bedeuten, wenn Paare ihren Sex der Öffentlichkeit präsentieren? Zitator: "Die Welt intimer Empfindungen verliert alle Grenzen; sie wird nicht mehr von einer öffentlichen Welt begrenzt, die eine Art Gegengewicht zur Intimität darstellen würde. [...] Nirgendwo hat sich die Deformation in den letzten hundert Jahren deutlicher gezeigt als im intimsten Erlebnisbereich überhaupt: bei der körperlichen Liebe." Sprecherin: So schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Klassiker "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität". Wenn aber das Intime immer öffentlicher wird: Könnte es dann nicht sein, dass uns pornographische Bilder irgendwann schlichtweg kalt lassen? Wie soll Pornographie noch erregen, wenn sie nichts Tabuisiertes mehr zeigt? Sind Amateurfilm und Webcamchat die letzte Stufe vor der völligen Erregungslosigkeit, vor der Apathie? Welchen Stellenwert hat Sexualität überhaupt noch in einer Gesellschaft, die immer exhibitionistischer wird? Michael Schetsche: O-Ton Schetsche Meine These wäre, dass wir ne Normalisierung des Sexuellen beobachten. Normalisierung heißt, dass der sexuelle Bereich ähnlich betrachtet wird wie viele andere Bereiche des menschlichen Lebens. [...] Wir haben ja, seitdem wir das haben, was wir als bürgerliche Sexualmoral nennen, seit dem 18., seit dem 19. Jahrhundert ne völlige Abtrennung des sexuellen Bereichs von allen anderen Sphären. Man darf da nicht drüber reden, man darf nicht hingucken, man darf, zum Beispiel in Sozialisationsprozessen darf das nicht beachtet werden, das heißt man darf mit Kindern nicht drüber reden und so weiter und so fort, also klassisch, das, was man so Tabuisierung genannt hat, und das hat sich eigentlich in den letzten fünfzig, sechzig Jahren stark aufgelöst, das Internet beschleunigt das vielleicht tatsächlich noch, das heißt, die Tabuisierung fällt weg, das heißt der sexuelle Bereich wird so normal wie andere Bereiche auch, das muss natürlich einer Sexualkultur einer Gesellschaft nicht nur gut sein. Sprecherin: Wenn der Sex nicht mehr tabuisiert wird, dann büßt er genau das ein, was ihn eigentlich reizvoll macht. Früher, bevor er zu einer Ware verkam, war Sex ein Glücksversprechen. Er verhieß lustvolle Überschreitung, ja barg sogar revolutionäres Potential. Heute scheint Sex ungefähr so spannend wie Kaffeetrinken oder Kino. Zitator: "War die Ehe in den fünfziger Jahren aufregender als heute?" Sprecherin: So titelte die "Welt am Sonntag" im Jahr 2003 und präsentierte ihren Lesern eine Studie des renommierten Kinsey-Instituts für Sexualforschung, derzufolge die sexuelle Liberalisierung zu einer Abwertung der Erotik geführt habe. Das Resümee der Studie: Die Menschen haben nicht mehr so viel Sex wie früher. Dass das Geschlechtsleben seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus seiner Schmuddelecke befreit wurde, dass Pornographie heute so leicht konsumierbar ist wie nie zuvor, hat durchaus nicht zu einer kollektiven Triebenthemmung geführt. Im Gegenteil. Wir werden anscheinend immer prüder. Nichtsdestotrotz hält sich die Medienlegende vom Sittenverfall hartnäckig: Vor allem das Sexualverhalten Jugendlicher werde derzeit immer auffälliger, heißt es heute allenthalben. Der Porno avanciere zur Leitkultur der Minderjährigen, ja, von einer "Generation Porno" ist die Rede. Und überhaupt wüssten Jungen und Mädchen heute gar nicht mehr, wie zärtlicher Sex sich anfühlt. Aber stimmt das? Zwar haben Untersuchungen in der Tat ergeben, dass für viele Minderjährige der Konsum von Internetpornographie heute zum Alltag gehört, und das ist tatsächlich besorgniserregend. Aber führt dieser Konsum auch gleich zu sexueller Verwahrlosung? Der Soziologe Michael Schetsche beobachtet ganz anderes: O-Ton Schetsche Also wir haben eine ganze Reihe von soziologischen Untersuchungen aus den letzten dreißig Jahren, die auch immer wieder ähnlich gefragt haben bei Heranwachsenden etwa, was haben die für sexuelle Interessen, wie ist die Sexualmoral, wie sind die Einstellungen, wann praktizieren sie Sex, wann fängt das alles an, das heißt, wann ist der erste Geschlechtsverkehr, und so weiter und so fort, das heißt, da haben wir eine Vielzahl von empirischen Daten, die ganz klar sagen, das ändert sich nicht in die Richtung, die diese Verwahrlosungsthese behauptet, also sozusagen immer mehr Sex, immer mehr Partner, immer mehr Orgien, sondern tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Man kann also zeigen, empirisch, dass die Sexualmoral gerade der jungen Generation interessanterweise eher rigider wird, als sie vor zwanzig Jahren war und als sie bei ihrer Elterngeneration war. Sprecherin: Je pornographisierter eine Gesellschaft nach außen hin ist, desto asketischer scheint sie in Wirklichkeit zu sein. Gewiss, wir, das Publikum, erfreuen uns bisweilen am Exhibitionismus der Anderen, in Talkshows genauso wie in der Pornographie. Aber warum? Doch wohl nicht, weil wir selbst gern so wären wie die Menschen in den "youporn"-Clips oder im Big-Brother-Container. Der österreichische Kulturwissenschaftler Robert Pfaller schreibt: Zitator: Je mehr die Gesellschaft als ganze ihre kulturellen Bezüge zur Sexualität verliert, desto drastischer sind die Bilder davon, die auf ihren Bühnen erscheinen. Und zwar in einer doppelten Funktion: sowohl um der verbliebenen Sehnsucht Nahrung zu geben, als auch, um von der Sache abzuschrecken und über ihren Verlust zu trösten [...]. Die Sexualität hat sich aus der Mitte der Gesellschaft verflüchtigt; nur noch an ihren Extremen ist sie jetzt auffindbar. Einerseits an der Reichtumsspitze der Gesellschaft, etwa in der Flavio-Briatore-Klasse, andererseits am immer breiter werdenden unteren Rand. Die sogenannte Unterschicht hat begonnen, gleichsam als ihr Klassenbewusstsein, eine neue internetgestützte Expertise für das Pornographische zu leben. Dem bekannten Artikel "Voll Porno!" des Stern zufolge halten 14-Jährige nicht mehr Händchen, sondern treffen sich lieber zum Gangbang. Reifere Bildungsferne bewerben sich für Reality-Shows. Dem zuschauenden Rest der Gesellschaft dient dies zur Unterhaltung. Sprecherin: Lediglich als pathologisierter hat Sex heute noch Unterhaltungswert: Wir skandalisieren ihn, um ihm mit letzter Kraft noch einmal so etwas wie Lust abzuringen, doch die Ermüdung ist längst deutlich zu spüren. Sex? Porno? Was ist daran interessant? Was ist daran besonders? Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan meinte schon Anfang der 70er Jahre skeptisch: Zitator: Dass Sex an jeder Straßenecke ausgestellt und wie ein x-beliebiges Waschmittel behandelt wird, davon braucht man sich nichts zu erhoffen. [...] Es ist eine Modeerscheinung, Teil der angeblichen Liberalisierung, die uns von oben gewährt wird und mit der uns die sogenannte permissive Gesellschaft beglückt. Sprecherin: Heute, 40 Jahre später, ist die Pornographie vollends aus der Tabuzone herausgetreten. Porno ist Mainstream. Porno ist überall, im Kino, in Museen, im Pop, auf Plakaten an der Bushaltestelle. Und es gibt ihn im Internet, schnell und ohne jeden Triebaufschub. "Bin ich schon drin?", fragte Boris Becker Ende der 90er Jahre unüberhörbar doppeldeutig in einem Werbespot für einen Internetanbieter, und fügte hinzu: "Das ist ja einfach." Das Internet lässt sich erobern wie eine willige Frau, so wollte uns Boris Becker sagen: Nur ein paar unbeholfene Berührungen auf der Benutzeroberfläche, und schon öffnet sich der virtuelle Bildraum für jedermann. Kein technisches Vorwissen, kein aufwändiges Einarbeiten, kein lustverzögerndes Vorspiel ist nötig, um in diesen Raum einzudringen. Früher, vor der Erfindung des Internets, musste man immerhin noch gewisse Anstrengungen unternehmen, um in die Welt der Cumshots und Blowjobs zu gelangen. Wer virtuellen Sex wollte, dem blieb nichts anderes übrig, als den Mantelkragen hochzuschlagen und in einen Sexshop oder eine Pornovideothek zu schlüpfen, immer in der Gefahr, gesehen zu werden. Heute hingegen bedarf es nur noch einiger Klicks, und schon kann man wählen zwischen ,anal' und ,amateur', ,big titts', ,big cocks', und ,lesbian'. Gerade durch ihre problemlose Konsumierbarkeit aber verliert die Pornographie eben jenen Ruch des Verbotenen, über den sie ursprünglich einmal definierte. Gebildet hat sich das Genre Pornographie einst überhaupt nur, weil es Schriften und Bilder gab, die man um jeden Preis vor der Bevölkerung fernhalten wollte. Im Zuge der Aufklärung wurde die breite Öffentlichkeit alphabetisiert, und deshalb begann man, anstößiges Material aus dem Verkehr zu ziehen - und aus eben diesem Fundus verbotener Schriften entstand die Pornographie. Pornographie war Gift: gefährlich und nur äußerst schwer zu beschaffen. Heute muss man sich regelrecht anstrengen, um im Internet nicht auf pornographisches Material zu stoßen. Ja, man richtet sogar Spamfilter ein, um das Email-Postfach vor Viagrawerbung zu schützen. Die notwendige Folge: Überdruss. Ist mit dem Internet also womöglich das Ende der Pornographie gekommen? Erleben wir gerade die letzten Zuckungen des Genres? Und womöglich auch die letzten Zuckungen einer Branche? Zwar ist immer wieder von einem angeblichen "Boom der Internetpornographie" die Rede. Was boomt, ist aber in Wahrheit das Internet, das Medium selbst, und weniger die Pornographie. Weil immer mehr Menschen im Netz sind, werden auch pornographische Seiten häufiger angeklickt - das besagt aber keinesfalls, dass das Interesse an diesen Seiten größer geworden wäre. Eher im Gegenteil, meint Michael Schetsche. O-Ton Schetsche Das Internet ist zunächst mal ein Medium, was alles prozessiert. Das heißt, das muss man abtrennen, dieser Siegeszug des Internets von dem, was da sexualbezogen produziert wird, und das ist glaube ich gar nicht mehr geworden. Also, nach meiner Beobachtung, das kann man glaube ich sehr schwer empirisch nachweisen, sind eher so Beobachtungen des langjährigen Beobachters, ist eigentlich, dass der Anteil des sexualbezogenen Materials an den Gesamtkommunikaten im Internet entweder gleich geblieben ist oder sogar etwas abgenommen hat. Sprecherin: Ein Boom sieht anders aus. Womit also will die Pornoindustrie ihre Kunden zukünftig noch locken? Wo geht es hin? O-Ton Otzen Ich denke, im Moment ist so ein Stadium erreicht, wo die gesamte Industrie und der gesamte Bereich keine Idee hat, was kommt als nächstes. Ich glaube, dass der gesamte Bereich Konsum vom Internet hin zum Handy zum Beispiel noch nicht ausgereizt ist. Dass das Handy zukünftig ne größere Rolle spielen wird. Dass ne Vernetzung hin vom Internet hin zum Fernsehen sicherlich auch ne größere Rolle spielen wird. Sprecherin: Letztlich ist alles eine Frage des Mediums - auch in der Geschichte der Pornographie. Die mediale Entwicklung verlief von der Schrift über Fotographie und Film zum Internet, weil jedes Medium den Sexualakt noch ein Stück authentischer darzustellen vermochte und auch die Verbreitung von pornographischem Material erleichterte. Beides hat aber letzten Endes zur Folge, dass die Pornographie ihre einstigen Reize verspielt. Der Reiz der Medien selbst hingegen steigt ganz offenkundig stetig. Ob iPhone oder iPad, immer faszinierter sind wir von den technischen Innovationen, unaufhörlich fummeln wir an ihnen herum, fahren mit dem Finger über Displays, lustvoll, ausdauernd. Ja, es scheint, als würde sich jener Reiz, der ehemals vom Sexuellen ausging, langsam aber sicher ins Medium verschieben. Früher waren Medien dazu da, um Pornographie zu präsentieren. Im 21. Jahrhundert ist möglicherweise das Medium selbst die Pornographie. Musik 1 Midaircondo - Track 2 bei 00:47 hochfahren, 15 Sekunden stehen lassen, langsam unter der Abmoderation herunterfahren. 1