COPYRIGHT Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur benutzt werden. Länderreport / 15.10.2010 (1) Gleichberechtigte Sitzanordnung - Runder Tisch im niedersächsischen Bergen Autorin: Susanne Schrammar Red.: Claudia Perez ATMO KURDISCHE GITARRE Auf der Bühne im Bergener Stadthaus erklingen kurdische Klänge - gespielt auf einer Saz, einer Gitarre mit einem mächtigen Klangbauch. Die knapp 200 mit rotem Feincord bezogenen Stühle werden sich erst später füllen, doch schon jetzt herrscht in der sonnendurchfluteten Halle bereits aufgeregtes Gewusel: Die niederländische Karnevalstruppe mit ihren bunten Kostümen ist gerade eingetroffen, die Bigband der Realschule holt ihre Instrumente und die Frauen bestücken das Buffet mit Butterkuchen, Börök und Piroggen. Heute wird gefeiert: Seit zehn Jahren besteht in der kleinen Stadt im Nordosten Niedersachsens der "Runde Tisch Bergen 2000". Der Anlass zur Gründung, erzählt die Sprecherin des Runden Tisches, Marlene Habermann, seien damals Schwierigkeiten zwischen zugewanderten Gruppen und Einheimischen gewesen HABERMANN Es war ja mal ganz schlimm mit diesen Krawallen und mit Schlägereien und "Wir wollen Dich nicht sehen" und "Hau ab" und so weiter. Das ist vollkommen vorbei. Knapp 17.000 Menschen leben in Bergen - einem Ort, den viele durch die nahegelegene KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen kennen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt Tausende Menschen aus unterschiedlichen Ländern aufgenommen, zunächst viele Kriegsflüchtlinge und Vertriebene, später wurde ein Truppenübungsplatz der Nato in Bergen eingerichtet, sagt Wolfgang Hertwig, pensionierter Schuldirektor und Mitorganisator des Runden Tisches. HERTWIG Dann kamen die britischen Soldaten mit ihren Familien genauso wie niederländische Soldaten, in den 70er Jahren dann die ersten Gastarbeiter - Italiener, Spanier, Jugoslawen - dann kamen yesidische Kurden und noch etwas später die Spätaussiedler, so dass wir - ich hab das mal ausgerechnet - für den Kernort Bergen etwa noch 20 Prozent der Bevölkerung haben, die einheimische Wurzeln von vor 1935 haben. Der Ansatz des Runden Tisches: Probleme entstehen immer dann, wenn Menschen sich nicht kennen, nichts voneinander wissen und sich deshalb ignorieren oder gar ablehnen. Wir reden viel miteinander und setzen auf Information, sagen Habermann und Hertwig. Veranstaltet werden aber nicht nur bunte Abende, an denen die Yeziden und Spätaussiedler sich und ihre Kultur präsentieren können. 14 Mitglieder kommen regelmäßig alle zwei Monate zusammen, um über aktuelle Probleme zu sprechen - darunter Vertreter der zugewanderten Gruppen, von Kirchen, der örtlichen Vereine, aus der Jugendarbeit, aus den Schulen und von der Polizei. Die Politik wollten wir von Anfang an heraushalten, sagt Sprecherin Marlene Habermann. HABERMANN: So dass wir frei entscheiden und frei sprechen können, ohne dass das jetzt mit der Verwaltung oder in der Politik zerredet wird. Wir können mit der Bevölkerung sprechen, die uns ihre Probleme zuträgt, die sich vielleicht sonst nicht trauen, in die Verwaltung zu kommen und mit den Politikern zu sprechen. In Bergen leben fast 800 Yesiden, eine kurdische Volksgruppe, die Anhänger einer eigenen Religion ist. Fast alle stammen aus einem kleinen Dorf im Norden der Türkei. Sie mussten es Mitte der 70er Jahre verlassen, weil sie wegen ihrer kurdischen Herkunft und Religion verfolgt wurden. Suat Yavsam war acht Jahre alt, als er damals nach Bergen kam. Es war damals ein Kulturschock, sagt der heutige Leiter einer Baustoffhandlung und Vorsitzende der yesidischen Gemeinde. Zwanzig Jahre später hatten sich die Yesiden zwar an das Leben in dem niedersächsischen Ort gewöhnt. Doch als der Runde Tisch gegründet wurde, klagten viele über Vorurteile, die ihnen entgegen gebracht wurden und Diskriminierungen. Auch der Plan, ein eigenes Gemeindehaus zu errichten, wurde mehr als kritisch beäugt. Wir mussten den Menschen erst mal erklären, dass wir keine Moslems sind und nicht vorhaben, in Bergen eine Moschee zu errichten, erzählt Yavsam. YAVSAM Also es gab am Anfang natürlich Verständnisschwierigkeiten, das hat sich sehr positiv entwickelt in den letzten zehn Jahren, dass die Vielfalt, die zuerst vielleicht nicht so gewünscht war, mittlerweile akzeptiert ist und sogar als positives Zeichen für Bergen gesehen wird, auch ein Selbstbewusstsein bei den yesidischen Bürgern entstanden ist, dass sie auch hier beheimatet sind. Die meisten sind auch inzwischen deutsche Staatsbürger - es entwickelt sich sehr gut, muss ich sagen. Bei uns stimmt einfach die Chemie, sagt Marlene Habermann, die Initiatorin des Runden Tisches. Vor allem viele Jugendliche finden schnell einen Draht zu der ehemaligen Hauptschullehrerin. In Gesprächen ließen sich viele Konflikte lösen. Auch die Polizei zeigt sich mit der Entwicklung seit der Einrichtung des Runden Tisches in Bergen zufrieden. Die Zahl der Drogen- und Gewaltdelikte, die in Zusammenhang mit den Zuwanderungskonflikten gebracht wurden, habe stetig abgenommen, sagt Klaus-Dieter Höhne, Leiter der örtlichen Polizeidienststelle. HÖHNE Ich bin ganz sicher, dass der Runde Tisch einen erheblichen Anteil daran geleistet hat, weil die treibenden Kräfte immer wieder dazu aufgefordert haben, am Runden Tisch mitzuwirken und natürlich auch nach bestimmten Ereignissen auch auf die Menschen zugegangen sind. Dennoch ist die Arbeit des Runden Tisches in Bergen längst nicht erledigt. Beim Thema Integration befinden wir uns auf einer langen Straße, auf der es viele Baustellen und manchmal auch Rückschritte gibt, sagt Organisator Wolfgang Hertwig. Eine Baustelle, räumt Sprecherin Marlene Habermann ein, sei das Verhältnis zu den Soldaten, die in Bergen stationiert seien. Aufgrund der gemeinsamen europäischen Herkunft seien die kulturellen Unterschiede zu den Briten und Niederländern zwar nicht so groß. Und selbstverständlich freue man sich über die vielen Arbeitsplätze, die durch die Kasernen entstanden seien. Doch manche Soldaten übertrieben es mit dem Partymachen nach Feierabend, sagt die ehemalige Hauswirtschaftslehrerin. Viele Bergener fühlten sich von betrunkenen Militärangehörigen belästigt. Eigentlich ein klassischer Fall für den Runden Tisch. Doch bislang gehören die Streitkräfte nicht zu den Mitgliedern. HABERMANN Besonders die Briten halten sich eigentlich aus dem ganzen Geschehen raus. Sie möchten am liebsten unter sich sein und damit haben wir auch Schwierigkeiten, sie an den Runden Tisch zu bekommen. Ich würde mir schon wünschen, dass wir mehr Kontakt zu den Briten bekommen würden, auf jeden Fall. Länderreport/ 15. September 2010, 13.07 Uhr Gleichberechtigte Sitzanordnung - Runder Tisch für Velo in Hamminkeln am Niederrhein Autor: Tim Hannes Schauen Redaktion Claudia Perez Atmo 1 Autos fahren vorbei Autor 1 Hamminkeln ist eine Kleinstadt am Niederrhein. 28.000 Einwohner in sieben Ortsteilen. So nieder der nahgelegene Rhein ist, so tief ducken sich auch die aus rotem Ziegel gebauten Häuser mit herabgezogenen Dächern. Die Niederlande sind 20 Kilometer entfernt - an der Hamminkelner Wohnbebauung ist diese Nähe sichtbar. Und: am bevorzugtem Fahrradmodell, dem Hollandrad. Aufrechte Sitzposition, gebogener Lenker, die Griffe parallel zur Fahrtrichtung. Atmo 2 ein Fahrrad kommt an, Klingel O-Ton 1 Peter Zelmer Mein Name ist Peter Zelmer, ich bin der Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs hier in Hamminkeln. Autor 2 Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub ist das Äquivalent zur Vereinigung der Autofahrer. Nur ist der Fahrradclub mit knapp 130.000 Mitgliedern nicht ganz groß wie der Autoclub mit seinen 17 Millionen. Und er hat eine nicht ganz so starke Lobby wie die Autoindustrie. Aber das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein. Peter Zelmer fährt kein Holland- sondern ein Tourenrad. Dafür trägt er eine bunte Jacke. O-Ton 2 PZ Wer auffällt, wird nicht übersehen. Autor 3 Vom Sattel seines Tourenrads aus sind Peter Zelmer einige Ecken in Hamminkeln aufgefallen, die sehr gefährlich für Fahrradfahrer sind. Weil der ADFC die Interessenvertretung der Alltags- und Freizeitradler ist, also von eigentlich allen nichtdopenden unmotorisierten Fahrradfahrern, und sich zuvorderst für bessere Radverkehrsbedingungen einsetzt, war für Zelmer schnell klar: Wir müssen reden! In Hamminkeln haben Bürger über die sogenannte "Lokale Agenda" die Möglichkeit, Dinge zur Sprache zu bringen. O-Ton 3 PZ Wir haben uns eingebracht bei der Lokalen Agenda, da ist das Thema auf dem Tisch gewesen, aber die lokale Agenda ist ja nicht nur für den Fahrradfahrer da, da sind so 2-3 Themen angesprochen worden und daraufhin ist das Thema Fahrrad in der Agenda uns nicht tief genug angesprochen worden. Wir haben dann das Gespräch mit der Verwaltung gesucht ... Autor 4 Am Runden Tisch! O-Ton 4 PZ ...um die Bedingungen für den Fahrradfahrer in der Stadt erheblich zu verbessern. Ich hab mit dem Bürgermeister gesprochen, wir haben einen Termin vereinbart, und so kam es dann zu einem Treffen im Rathaus, da waren dann wir als ADFC, Verwaltung, Bürgermeister und Polizei mit am Tisch, und wir haben einfach mal dargelegt, wie wir uns Hamminkeln fahrradfreundlicher vorstellen könnten. Autor 5 Und da hatte der ADFC ganz konkrete Vorstellungen. Etwa den Austausch des Verkehrsschilds "Durchfahrt verboten für Fahrzeuge aller Art" auf dem "Bruchweg". So etwas ist ohne große Kosten machbar. Oder der Vorschlag, dass Fahrradfahrer in Tempo-30-Zonen nicht mehr auf dem Bürgersteig fahren müssen, sondern auf der Strasse. Denn das - weiß der ADFC - erhöht die Sicherheit: "Sehen und Gesehen werden". Wie die bunte Jacke von Peter Zelmer. So kamen sie in Hamminkeln am Runden Tisch zusammen. O-Ton 5 PZ Der Kaffee war gut, und wir haben miteinander geplaudert, ich denke es waren fast zwei Stunden, und wir haben dann einfach mal dargelegt, was man machen könnte. Autor 6 Zelmer arbeitet als Techniker bei einem großen magentafarbenen und einst auch sehr fahrradfreundlichen Telekommunikationsunternehmen. Sinnloses Gerede ist nicht so seins. O-Ton 6 PZ Ja, wir hatten dann miteinander gesprochen, und das war dann alles natürlich sehr sehr theoretisch für unseren Bürgermeister, er ist also nicht der praktizierende Fahrradfahrer, wie er immer sagt, und es hat ne Zeitlang gedauert, bis er ein Fahrrad hatte, und dann sind wir ein bisschen durch's Dorf gefahren und haben uns so einiges noch mal angeguckt, und dann habe ich ihn immer vorgeschickt, er soll doch mal da links oder da rechts abbiegen und wenn wir uns dann an der nächsten Ecke wiedergetroffen haben, hab ich ihm den Bußgeldkatalog gezeigt, was er gespart hätte, wenn er alles richtig gemacht hätte. Und da war er dann doch sehr erstaunt und hat gesagt: ja, so sieht er das ja überhaupt nicht. Und das war also ne gute Basis, um das, was wir dann angeregt haben, auch umzusetzen. Autor 7 Geführte Fahrradtouren sind auch eine Spezialität des ADFC, aber natürlich haben auch die Gespräche am Runden Tisch beim Bürgermeister Eindruck hinterlassen. So, dass es schnell zu Ergebnissen kommen sollte. O-Ton 7 PZ Ja, ist ein Maßnahmenkatalog aufgestellt worden, und dann wurde eben nach Dringlichkeit - naja, wenn man nichts hat ist alles dringlich - das heißt wir haben gesagt: Wir hätten gerne da und da angefangen, und dann hat man angefangen umzusetzen. Atmo Fahrrad fährt (man hört die Kette tickern) Autor 8 Nur ein paar Tretkurbelumdrehungen weiter. Atmo andere Strasse, Autos zischen vorbei Autor 9 Der Ortseingang von Hamminkeln. Die Landstrasse mit einseitigem Radweg mündet in einen Kreisverkehr. 50 Meter davor steht Peter Zelmer am Straßenrand und zeigt nach links in ein Gässchen, dass direkt in ein ruhiges Wohngebiet führt. O-Ton 8 In der Regel kommt man aus dem Ortsteil Ringenberg von der linken Seite und fährt dann da rüber ins Dorf rein. Und damit es dann auch wirklich jeder mitkriegt, haben wir angeregt, da ein Schild hinzustellen "Ortskern", für den Fahrradfahrer, dass heißt: er soll vorzeitig hier abbiegen und dem Unfallschwerpunkt Kreisverkehr aus dem Weg gehen. Simpel, günstig, das Schild liegt - naja- im Taschengeldbereich. Autor 10 Runde Tische zum Thema Fahrradsicherheit gibt es immer mehr. Zuletzt hat man sich in Wuppertal zusammengesetzt. Ein Tipp aus Hamminkeln: gut vorbereitete Gespräche - aber auch eine Fahrradtour mit dem Bürgermeister können sehr effektiv sein. O-Ton 9 Ja. Praktizierende Fahrradfahrer.