Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen 11. Juli 2011, 19.30 Uhr Missbrauch? Das glaube ich nicht. Von der Langlebigkeit eines Tabus Von Barbara Zillmann Musik O-Ton 1 Mutter 1 Mein Sohn hat einem Freund einen Brief geschrieben, in dem er geschrieben hat, dass er sexuell belästigt wird im Internat. Ich konnte mir darunter nicht wirklich was vorstellen, aber ich habe sofort dort angerufen und gefragt, was da sein könnte, und man hat mir gesagt, wir sollten bitte sofort kommen. Wie in Trance sind wir losgefahren, ich mit meinem Sohn alleine, es war ?n ganz unheimliches Schweigen. Musik Sprecher vom Dienst: Missbrauch? Das glaube ich nicht. Von der Langlebigkeit eines Tabus. Ein Feature von Barbara Zillmann. O-Ton 2 Mutter 1 Ja - zuerst war die Schuld bei mir, warum hab ich ihn dahingeschickt, warum hab ich nichts gemerkt, warum hab ich nicht mehr insistiert in der Einrichtung, denn uns waren ja Dinge aufgefallen, er hatte sich ja verändert. Warum habe ich ihn andern Menschen anvertraut, die mich so enttäuscht haben. Sprecherin 2002 schicken Monika und Henning Stein ihren leicht körperbehinderten Sohn auf ein renommiertes heilpädagogisches Internat. Dort lebt er in einer Wohngruppe mit sieben anderen Jugendlichen. O-Ton 3 Mutter 1 Er sollte eine gute Schulausbildung bekommen, wie ein gesunder junger Mann. Und er war zunächst ja auch auf einem guten Weg! Bis er dann immer auffälliger wurde, er hat sich nicht mehr gewaschen, er wollte nicht mehr in die Einrichtung fahren, er hat sich beschwert - ich möchte da nicht mehr hin ? und wenn ich ihn gefragt habe warum, dann wollte oder konnte er keine Antwort geben. O-Ton 4 Vater Mein Sohn war in dieser Gruppe der Jüngste mit 12, 13 Jahren, und die andern waren wesentlich älter als er und zum Teil schon volljährig. Das war eine gemischte Schule mit männlichen und weiblichen Schülern, die dort betreut wurden, und da muss man sich also vorstellen, dass tagsüber ein Erzieher für zwei Bewohner zuständig war einschließlich Zivildienstleistende, und nachts einer für acht. Und trotzdem ist es passiert. Sprecherin Der Junge wird von einem 15-jährigen Mitbewohner viele Monate schwer missbraucht und gedemütigt. Erst nach einem Jahr wagt er, das Erlebte aufzuschreiben - voller Angst vor dem Täter. Fest zugetackert übergibt er den Brief einem Freund. O-Ton 5 Mutter 1 Aber er hat immer wieder gesagt: ich darf nichts sagen. Er bringt mich um, er vergräbt mich im Garten ? ja. Musikakzent als Trenner Sprecherin Woran liegt es, dass sexueller Missbrauch die Öffentlichkeit immer wieder zur Empörung treibt, doch in vielen Nischen der Gesellschaft ein ungestörtes Schattendasein führt? Was muss sich ändern, damit Kinder besser geschützt sind? Sie bleiben mit sexuellen Gewalterfahrungen oft lange allein - weil sie von den Tätern eingeschüchtert und zum Schweigen gezwungen werden, weil ihnen die Worte fehlen, weil sie sich schämen. Aber auch, weil Erwachsene ihre Signale oft nicht verstehen ? oder nicht verstehen wollen. Kinder deuten ihre Erlebnisse oft nur an. Das widerspricht einer landläufigen Meinung, sagt Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München: O-Ton 6 Heinz Kindler Also ich denke, ein zentrales Problem ist, dass die meisten Eltern ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass, wenn ihr Kind jemals von sexuellem Missbrauch betroffen sein sollte, dass es ihnen umgehend davon erzählt. Aber alle Zahlen, sowohl rückblickende Befragungen von Erwachsenen als auch Untersuchungen bei Kindern zeigen, dass die meisten Kinder es eher schwer finden, Erwachsenen davon zu erzählen. Da aufmerksam zu bleiben, Kinder auch anzusprechen, ein Ohr zu haben, wenn Kinder versuchen, was zu sagen, die fallen in der Regel ja nicht mit der Tür ins Haus, das ist denk ich ein ganz wichtiger Punkt. O-Ton 7 Christine Bergmann Die, die sich an uns gewendet haben, und das warn ja sehr viele und überwiegend welche, bei denen der Missbrauch Jahrzehnte zurückliegt, berichten alle von der Erfahrung eben, dass sie versucht haben, Hilfe zu finden, das Thema anzusprechen, und es keiner hören wollte. Sprecherin Christine Bergmann, die ehemalige Bundesfamilienministerin, ist seit einem Jahr Ansprechpartnerin der Bundesregierung für Opfer sexuellen Missbrauchs. Über 15.000 Menschen haben sich an sie und ihr Team gewandt, meist anonym. Die Schweigespirale belastet viele, auch wenn sie erwachsen sind. O-Ton 8 Bergmann Also mir schreiben dann Männer zum Beispiel zwischen 40 und 50 Jahren: Sie haben gesagt, wir sollen reden ? das kann ich noch nicht, ich schreibe Ihnen erstmal, aber ich sag auch gleich: meine Familie darf das nicht wissen. Meine Frau darf das nicht wissen, meine Kinder sollen das nicht wissen. Nach wie vor das Gefühl, das eigentlich nicht sagen zu können, dass es eben mit einem Stigma verbunden ist, Opfer geworden zu sein, das ist ja das ganz Makabre dabei, dass die Opfer sich noch schuldig fühlen, und das zu durchbrechen, das ist glaub ich so wichtig. Und natürlich auch zu wissen, wie gehen denn eigentlich Täter vor. Also wie versuchen sie, also entweder diese Abhängigkeitsverhältnisse, die auch mit Zuneigung verbunden sind, zu nutzen, und zu kuscheln und zu sagen, das ist ja alles nicht so schlimm, das macht man eben so, wenn man sich mag - Sprecherin Kinder glauben zunächst, was man ihnen sagt, aber sie spüren auch, wenn etwas nicht stimmt, wenn die Grenzen natürlicher Zärtlichkeit überschritten werden. Martin Botev möchte ihnen helfen, eine Sprache dafür zu finden. Er ist Präventionsberater in Kitas und Grundschulen und besonders gefragt, wenn der ?Leidensdruck? durch öffentliche Berichterstattung groß ist. O-Ton 9 Martin Botev Ich werde immer vorgestellt: Hier ist jemand, der euch mal erzählt, was ihr machen könnt, wenn ihr angesprochen werdet. Oder wenn etwas Schlimmes passiert. Wie ihr das verhindern könnt. Ganz beliebt ist auch: wie ich mich schützen kann. Die Jungs sofort ? ja, vors Schienbein treten! Sprecherin Häufig haben die Kinder schon von ?bösen Fremden? gehört. Martin Botev fragt dann nach. O-Ton 10 Botev Sagt mal Kinder, bin ich ein Fremder? ? boah - die Gesichter, die denken dann richtig nach. Ist er jetzt ein Fremder? Er sitzt hier, die Lehrerin hat ihn gebracht, aber Mama kennt ihn nicht ? für ne Präventionsschulung ist das natürlich immer eine der entscheidenden Fragen, was ist ein Fremder? Oder was ist ?n Böser? Weil wir gern den Bösen an der Stirn tätowiert erkennen möchten. Aber das ist total unwichtig. Sprecherin Denn Täter und Täterinnen sind dem Kind meist bekannt. Und geben sich sanft, freundlich, kumpelhaft. O-Ton 11 Botev Wichtig ist, dass ich mich schütze, dass ich aufpasse, was mit mir passiert, und das ist in jeder Hinsicht völlig unabhängig davon, wer der andere ist. Wenn ich merke, dass er Sachen tut, die mir unangenehm sind, muss ich drüber sprechen können, muss ich das erzählen können. Das ist dann total unwichtig, ob?s der liebe Onkel Karl ist oder der böse Onkel Frieder. ? In beiden Fällen, wenn mir irgendwas unangenehm war, sei es das Küsschen am Ende, muss ich sagen können, das will ich nicht. Sprecherin ?Komische?, sexualisierte Berührungen kennen viele Mädchen und Jungen, auch wenn sie das Wort Missbrauch nicht kennen. Wie kann man mit ihnen darüber reden? O-Ton 12 Botev Was sie verstehen ist: anfassen. Und was sie genau verstehen ist, wo darf ich angefasst werden, wo nicht. An den Armen? Ist ja ganz einfach ? ja. Ja - am Kopf. Ja - meine Lehrerin kneift mich immer ins Ohr. Darf dich jemand am Po anfassen? Hmmm ? Darf dich jemand zwischen den Beinen anfassen? Wie nennt man denn das zwischen den Beinen? Keine Ahnung. Ja das ist die Scham oder die Scheide oder der Pimmel. Ja Kinder, jetzt gibt?s ne Hausaufgabe. Wenn ihr heut nachhause kommt, sprecht ihr mit Mama und Papa genau das an. Mama, wo darf ich angefasst werden. Mama, wer darf mich anfassen. Wie soll ich denn machen, wenn mich jemand angefasst hat, wie soll ich denn das erzählen? Sprecherin Botev nennt diese Hausaufgabe ?Elterntransfer.? Es liege nicht an den Kindern, sagt er, wenn ihre Signale nicht gehört werden. Die Erwachsenen meiden das schwierige Thema. Auch über schöne Körpergefühle erzählen sie ihren Kindern oft wenig. Das macht es vertrauten wie fremden Tätern leicht, diese ?Leerstelle? in der Familien-Kommunikation mit Heimlichkeiten zu besetzen. Im Ernstfall kann es schwierig werden. O-Ton 13 Botev Es gibt ein Rollenspiel, das ich mit denen durchspiele: Kind kommt abends nachhause, sitzt beim Abendessen, wo Familie in irgend?ner Form zusammen ist, und das Kind erzählt ? ja heute wurde ich von einem fremden Mann angesprochen. Na liebe Kinder, so meine Frage, wie reagiert denn Mama darauf. Das ist auf dem Hintergrund, dass Mütter dann gerne hochpanisch reagieren und denken, jetzt ist was passiert, und das Kind, wie aus allen Informationen auch, etwas Entscheidendes mitnimmt, nämlich: erzähl ich das beim nächsten Mal noch mal? Ich hab etwas erzählt, aus Präventionssicht perfekt, und Mama macht jetzt ?n Riesen-Fass auf. Und kriegt sich nicht wieder ein. Sprecherin Da erzählen sie lieber nichts. Botev schlägt ihnen vor, eine halbe Stunde zu warten und dann noch einmal zu fragen: Mama, soll ich beim nächsten Mal nichts erzählen? ? Den Eltern rät er, ruhig zu bleiben, sich Hilfe zu suchen, und dem Kind zu signalisieren: O-Ton 14 Botev Toll, dass du?s angesprochen hast. Grandios. Lektion lautet: in schwierigen Situationen kann ich etwas Schwieriges erzählen. Es wird gehört. Es wird darauf eingegangen. Sprecherin So das Ideal. Das Hinschauen hat Konsequenzen: ein Verdacht kann Lebensentwürfe zerstören, Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, die ?heilige? Familie. Da liegt es nahe, zu hoffen: Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm. Vielleicht hat das Kind übertrieben. Oder sogar - gelogen? O-Ton 15 Botev Diese Uneindeutigkeit kommt nicht von den Kindern. Die kommt eben von unserm Umgang damit, weil wir in einer schwierigen Situation, konfrontiert mit unserem eigenen Unbehagen, genau da was sehr Menschliches tun, nämlich: Abstand. ------- Musikakzent O-Ton 16 Katharina Larondelle Viele Eltern, besonders Väter, wenn ich Prävention mit ihnen mache, fragen, na, was darf ich denn noch tun. So. Sprecherin Katharina Larondelle ist Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin. O-Ton 17 ? und ich sage, Sie dürfen alles, was für Sie und das Kind angenehm ist, und trotzdem kann es ne Situation geben, wo zum Beispiel Sie möchten, dass ihre Tochter so schnell wie möglich ins Bett kommt, weil Sie sich auf einen intimen Abend mit ihrer Liebsten freuen, und ihre Tochter sitzt auf dem Schoß und hibbelt und Sie kriegen einen steifen Penis. Das kann passieren. Das ist noch nicht sexuelle Gewalt. Erst jetzt fängt die Frage an: was machen Sie? Sagen Sie ihrer Tochter, komm, wir machen mal heute, dass du neben mir sitzt, und wir halten Händchen und ich lese das Buch weiter ? oder veranlassen Sie das Mädchen noch weiter auf Ihrem Schoß zu hibbeln. Weil für die Grenze sind Sie verantwortlich als Erwachsener. Sprecherin Nicht nur in der Familie, auch in vielen öffentlichen Einrichtungen entstehen unklare oder eindeutig grenzverletzende Situationen. O-Ton 18 Katharina Larondelle Wir wissen, dass Täter und Täterinnen Strategien haben, die das Kind oder die Kinder, die sie später missbrauchen, zu Opfern machen, bevor sie Opfer sind. Das bedeutet, das die Täter und Täterinnen erst mal ihr soziales eigenes erwachsenes Umfeld so manipulieren, dass diese nicht mehr genau hingucken oder sich nicht mehr trauen, etwas zu sagen - oder sehr schnell mit Rationalisierungen zu beschwichtigen sind ? und dann beginnt erst die Beeinflussung des Kindes oder der Kinder. Sprecherin Viele gehen dabei mit krimineller Phantasie vor. Ein akribisch ausgedachtes Lügengebäude entsteht. Katharina Larondelle schildert einen Fall in einer Brandenburger Kita. O-Ton 19 Larondelle Beispiel Kindertagesstätte. Es gibt einen Mann, der ist Springer in der Kindertagesstätte. Der kennt auch alle Kinder ? der ist das Standbein der Kita, er repariert alles, er macht immer Überstunden mit, er schickt Kolleginnen nachhause, weil der denen schon ansieht, dass sie eine Migräne bekommen, er ist in Dienstbesprechungen ein pädagogisch sehr versierter Mann, der den Kolleginnen geschlechtsspezifische Erziehung - mit denen erarbeitet, und in dem Zusammenhang denen erzählt, dass er gerne alle aggressiven kleinen Jungen, die er ja auch kennt, zu einer Gruppe zusammenfassen würde und gern zweimal in der Woche mit denen arbeiten würde. Und die Kolleginnen, die daran gewöhnt sind, ihn als pädagogisch hoch motiviert, versiert zu erleben, finden das ganz toll, mal zweimal in der Woche keine schwierigen Kinder dabeizuhaben, und dieser Mann hat 5 Jahre lang die Jungen missbraucht. Sprecherin Nur eine Kollegin hatte ein komisches Gefühl, der Erzieher schloss den Raum ab, wenn er mit den Jungen darin war. Auf die Frage, warum, antwortete er, die Jungen würden gern weglaufen, und er habe nicht die Zeit, an der Tür zu stehen und aufzupassen. Die Kita-Leitung sah keinen Anlass zu ?schmutzigen Phantasien?. O-Ton 20 Larondelle Diese Kollegin hat es geschafft, diesen Mann heimlich zu fotografieren ? mit heruntergelassener Hose vor den Jungen ? es kam zu einen großen Prozess ? danach war diese Kita gespalten. Weil es gab immer noch einen Teil, der versucht hat zu bagatellisieren, der war doch so ein netter Mann und der hat doch soviel für uns getan ? das heißt: traue ich meiner Wahrnehmung, glaube ich etwas Böses von jemandem, den ich eigentlich mag? O-Ton 21 Bergmann Man muss sich drüber im Klaren sein, die Täter, das sind nicht die finsteren Gesellen. Das sind nicht die, denen man?s von vornherein ansieht und denen man eh nicht über?n Weg traut. Das sind eben ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft, der Lehrer, der Pfarrer, der Trainer, angesehen, und man traut?s ihm eigentlich nicht zu, und alle die, die Zugang haben, suchen sich ja dann auch Berufsfelder, wo der Zugang dann leichter möglich ist ? da muss man damit rechnen. Musikakzent O-Ton 22 Mutter 2 Meine Söhne haben im Alter von 6 und 8 Jahren Eishockey gespielt in einem Eishockey Verein, und es war so im Frühjahr 2001, als ich ein Gespräch mithörte von einer Mutter, die einer andern Mutter erzählte, dass ihr Sohn nicht mehr duschen möchte, weil der Trainer unter der Dusche so komische Sachen machte und an seinem Glied manipulierte, Geige darauf spielte, das hörte ich und ich machte mir so meine Gedanken ? Sprecherin Sigrid Kumberger lebt in einer bayerischen Kleinstadt. Sie fragte ihre Söhne, ob sie auch so etwas gesehen hatten. Die verneinten zunächst. Aber dann erlebte die Mutter, wie ein anderes Kind weinend aus der Duschkabine rannte, im Hintergrund der Trainer. Sie wandte sich mit ihrem Verdacht an den Kinderschutzbund. O-Ton 23 Mutter 2 - der Kinderschutzverband riet mir, mich an jemand vom Vorstand zu wenden, zu dem ich Vertrauen habe, um ein Duschverbot zu erwirken. Das hab ich auch dann getan, ganz schockiert war ich, als mir derjenige Zuständige sagte, ich brauche ihm da gar nichts zu erzählen, er wisse Bescheid von seinem eigenen Sohn, der ja auch da in der Gruppe war, und auch ein anderes Kind, der Freund von seinem Sohn, hat schon darüber was erzählt, dass er vor den Kindern immer wieder Handlungen an sich vornahm - Sprecherin Er ?schrubbte? seinen Penis mit der Zahnbürste oder ließ ihn wie beim Kasperletheater aus dem Handtuch hervorgucken ? ?grüß di, hier ist der Pippi?, erzählten die Kinder später der Polizei. Zunächst gab es ein Duschverbot - aber der Trainer begab sich in die Opferrolle, ihm würde ?was mit Kindern? angehängt. O-Ton 24 Mutter 2 Die Elternschaft stellte sich so gut wie geschlossen hinter die Vorstandschaft, hinter den Trainer ? er war erfolgreich, die Kinder gewannen die Spiele, und das stand für die meisten eben im Vordergrund. Es begann im Grunde genommen eine Hexenjagd gegen diejenigen, die da den Mund aufmachten, und wir wurden auch angehalten, von den Eltern und der Vorstandschaft, wenn uns was nicht passen würde, sollten wir doch den Verein verlassen. Also mein Mann und ich haben schon überlegt, nehmen wir die Jungs und gehen, nur: warum sollt ich meine Kinder damit bestrafen, dass sie ihren Sport verlieren, warum sollten diejenigen gehen, die nichts getan haben, es ging mir auch um die andern Kinder, es kamen ja auch neue hinzu, und die wussten noch von gar nix, unser Ansinnen war, dass der Trainer einfach die Erwachsenen trainiert. Also wenn jemand so was macht, dann hat er aus meiner Sicht das Recht verwirkt, mit Kindern zu arbeiten. Sprecherin Mit ihrem Mann und einem weiteren Ehepaar erstattet Sigrid Kumberger Anzeige. Und erhält vorübergehend Hausverbot. O-Ton 25 Mutter 2 Es haben 7 Kinder vor der Polizei ausgesagt, was sie erlebt haben und gesehen haben, die Handlungen des Trainers, es reichte aber der Staatsanwaltschaft nicht, um eine Anklage zu erheben, es fehlte ihnen der Nachweis, dass der Trainer es aus einer sexuellen Befriedigung getan hat, also es gibt bestimmte Indizien so erklärte mir der Staatsanwalt, um das bei einem Mann festzustellen, und das haben eben so die Kinder nicht eindeutig erklärt, dass es einen sexuellen Hintergrund hatte und nicht, wie ja die Vereinsführung dem Staatsanwalt erklärte, dass der Trainer das voll lustig fand und meinte, dass auch die Kinder das lustig finden würden. Sprecherin Das Verfahren gegen den bayerischen Jugendtrainer wurde eingestellt. Immerhin wurde er entlassen, wie es hieß, auf eigenen Wunsch, und ? so Sigrid Kumberger ? als ?Wanderpokal? an Nachbarvereine weitergereicht. Sie blieb der Störenfried. O-Ton 26 Mutter 2 Damals war mir nicht klar, als ich mich an die Vorstandschaft wandte, welche Wand sich da aufbaut, heute ist mir das bewusster, weil in so einer kleineren Stadt oder mittelgroßen Stadt - wer sitzt da in einer Vorstandschaft von einem Sport-Verein? Das sind ja die Größen der Stadt, das sind Unternehmer, Rechtsanwälte, Vorstandschaft aus Banken, da geht?s um den eigenen Status, den eigenen Namen, so wurd?s mir auch erklär: ?Ich habe schließlich einen guten Namen zu verlieren?. Da möchte man mit diesem Thema nicht konfrontiert werden, und wenn man doch konfrontiert wird, da braucht man keine Pädagogen aus irgendwelchen Einrichtungen, die sich da einmischen, da ist man natürlich selbstverständlich in der Lage, das zu regeln, und wenn das dann mal doch nicht so gelingt, da geht?s dann nicht mehr um den Schutz des Trainers, da geht?s dann um den Schutz des Vereins, der Sponsoren, und da muss man natürlich versuchen, das schwächste Glied in der Kette, das sind dann am Schluss die Betroffenen, mundtot zu machen, dass endlich Ruhe im Verein herrscht und das Thema wird dann heruntergespielt und die Glaubwürdigkeit der Betroffenen infragegestellt und das gelingt dann auch ganz gut. Sprecherin Auch Monika und Henning Stein versuchten juristisch gegen das Internat vorzugehen, in dem ihr Sohn missbraucht wurde. Sie fühlten sich wie in einem Labyrinth. O-Ton 27 Vater Wir sind den Rechtsweg gegangen und wir haben Strafanzeige gegen den Täter erstattet. Und da hieß es, dass der Täter aufgrund eines frühkindlichen Schadens nicht in der Lage gewesen sei, seine Taten zu realisieren, und er war deshalb schuldunfähig und konnte nicht verurteilt werden. Wir haben Strafanzeige erstattet gegen die Erzieher, und da hat die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlicher unterlassener Hilfeleistung, und dann haben wir interveniert, dass es gar nicht darum ging, sondern um eine sogenannte Verletzung der Garantenstellung, die man beispielsweise hat als Arzt gegenüber einem Patienten, - und dann hat die Staatsanwaltschaft argumentiert, die Erzieher hätten das nicht zu erkennen brauchen, sie seien keine Psychologen und keine Fachärzte, und dann haben wir Anzeige erstattet gegen die Psychologen, und dann hieß es, die Psychologen seien nicht in der Wohngruppe gewesen, sondern lediglich in der Schule. O-Ton 28 Mutter 1 Unser Sohn hatte sich beschwert über den Täter. Er hat gesagt, er fasst mich immer an, er kommt nachts in mein Zimmer, er bringt meine Sachen durcheinander, ich möchte einen Schlüssel. Dann hat man ihm einen Schlüssel gegeben. Aber das hat ihm nicht viel genützt, denn der Täter hat ihn nachher im Bad vergewaltigt. Die Erzieher haben sich nur gewundert, dass er sein Zimmer nicht mehr abschließt. Weiter gingen deren Gedanken nicht. O-Ton 29 Vater Und der verantwortliche Psychologe, der sagte am Tag der Aufdeckung zu meiner Frau: Jetzt fügt sich manches zusammen. Sprecherin Zumal der Täter schon vorher durch sexuelle Übergriffe in der Schule aufgefallen war. Doch die Strafverfahren werden 2006 eingestellt, und in dem sozialen Dienstleistungskonzern, zu dem die Schule gehört, übernimmt niemand Verantwortung. Da ruft Henning Stein die Schulaufsicht bei der Landesregierung an. O-Ton 31 Vater Die Institution hat uns ja zunächst 20.000 Euro als eine Art Entschädigung angeboten mit der Maßgabe, dass wir stillhalten, und als ich eben diesen Anruf getätigt hatte beim Regierungspräsidium, hat man einen Brief geschrieben und gesagt, jetzt gibt es nur noch 12.500 Euro unter anderem deshalb, weil wir als Eltern aufgrund unserer emotionalen Berührtheit versuchen, die Sache aufsichtsrechtlich doch noch zum Thema zu machen. Sprecherin Die Eltern nehmen das Geld nicht an und informieren jetzt die Presse. O-Ton 32 Vater Stein ? und als der Skandal endlich öffentlich geworden war, da bekam ich einen Anruf aus der Schule, der Betriebsrat dankte mir dafür, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen war, man sagte: jetzt kriegen wir endlich Mittel für die Präventionsarbeit! Musikakzent O-Ton 33 Kindler Kern unserer Studie war ja eine repräsentative Befragung von Schulen, Heimen und Internaten danach, wie viele Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch da anlanden, mit denen sie sich beschäftigen müssen. Sprecherin Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut hat die Umfrage im Auftrag von Christine Bergmann ausgewertet. Etwa die Hälfte der befragten Schulen, 70 Prozent der Internate und 80 Prozent der Heime mussten in den letzten Jahren einem Missbrauchsverdacht nachgehen ? in der eigenen Einrichtung oder im familiären Umfeld der Kinder. O-Ton 34 Das sind, find ich, schon relativ hohe Zahlen, und hat natürlich zur Folge, dass wir denken, dass Heime, Schulen eigentlich vorbereitet sein müssen auf solche Fälle, damit sie da gut reagieren können. Sprecherin Noch sind viele überfordert. Fachkompetenz wird erst aufgebaut. Beratungsstellen haben lange Wartezeiten für Eltern, Kinder und Professionelle. Christine Bergmann, die Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, fordert deshalb ? neben einer Opferentschädigung ? nachhaltige Verbesserungen in Justiz, Pädagogik, Therapie und Prävention. Vor allem wünscht sie sich einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft hin zu mehr Realismus und Transparenz. Ein Hinschauen ohne Hysterie. O-Ton 35 Auch die Eltern verhalten sich ja jetzt schon anders und fragen bei der Schule oder bei dem Verein an, was ist denn hier, gibt?s denn hier Fortbildungen, und wie halten Sie das denn mit dem polizeilichen Führungszeugnis, und wer fährt denn mit unsern Kindern jetzt ins Trainingslager oder auf ne Klassenfahrt, wissen die denn Bescheid, wissen die, dass es eben auch Übergriffe gibt, Kinder untereinander oder was und wie geht man damit um? Da müssen wir hinkommen, dass nicht die Aussage: ?bei uns gibt?s das nicht? gut gewertet wird, sondern: ?Ja ? wir haben glücklicherweise nichts erfahren bisher, aber wir wissen natürlich, es kann jederzeit passieren, und dann sind wir darauf vorbereitet.? Da müssen wir hin. Sprecherin Denn wo Kinder auf offene Ohren treffen, da finden sie auch selber leichter Worte. So könne ein alter Fehler vermieden werden, meint die Psychotherapeutin Katharina Larondelle: O-Ton 36 Larondelle Also was wir jahrelang erlebt haben und was gang ganz schwierig ist: ein Kind malt ein Bild und auf dem Bild hat ein Mann ein drittes Bein. Und schon denken die Erzieherinnen, oh, hier ist sexuelle Gewalt im Spiel. Überhaupt nicht. Die einzige Interpretation, die nötig ist um ein Bild zu verstehen, ist das, was das Kind dazu sagt. Und nicht was wir dazu sagen. Wir haben mit unserer Wahrnehmung, auch mit der Angst und Sorge, die wir natürlich haben, - wir überinterpretieren. Und darum ist es wichtig, dass die Kollegin, bevor sie aus dem ersten Verdacht irgendetwas tut, sich mit jemandem zusammensetzt, die eine Fachkraft ist. Die sagen kann, das kann auch ganz andere Gründe haben. Sprecherin So wichtig es ist, das Schweigen zu brechen, so wichtig sei auch, es klug zu tun und Kinder behutsam dabei zu begleiten. Noch steht der Aufklärung im Einzelfall vieles entgegen: Vorurteile, psychologische Abwehr, juristische Raffinessen, Korpsgeist, pädophile Interessen. Dabei ist sexuelle Ausbeutung von Kindern schon lange ein offenes Geheimnis für die, die es wissen wollten. Sigmund Freud bemerkte 1896, im Zusammenhang seiner Forschungen zur Hysterie: Zitator Es scheint mir sicher, dass unsere Kinder weit häufiger sexuellen Angriffen ausgesetzt sind, als man ? erwarten sollte. Ich erfuhr von Kollegen, dass mehrere Publikationen von Kinderärzten vorliegen, welche die Häufigkeit sexueller Praktiken selbst an Säuglingen ? anklagen, und aus den letzten Wochen ist mir eine aus Wien herrührende Studie in die Hand geraten, die sich mit dem ?Koitus im Kindesalter? beschäftigt. Sprecherin Schon vor mehr als 100 Jahren also beschrieben Wissenschaftler Maß und Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder, vor 30 Jahren war es die Frauenbewegung. Hat solche Aufklärung eine Chance, oder ist auch der gegenwärtige Aufbruch in Politik und Öffentlichkeit nur ein Strohfeuer? Schwindet das Interesse wieder, wenn das Thema seinen voyeuristischen Reiz verloren hat? Noch einmal Christine Bergmann: O-Ton 37 Bergmann (Nee) ? es hat eigentlich erst richtig angefangen, also hier muss noch unendlich viel passieren ? und das muss eben wirklich richtig in die Köpfe rein aller, die in diesen Bereichen arbeiten, und darüber hinaus. Das Thema darf nicht wieder verschwinden, das ist ja immer unsere Angst, es gibt jetzt n anderes Thema, was interessant ist, und wir haben ja jetzt mal was gemacht, nee - es kann täglich und stündlich und überall immer wieder passieren, und wenn wir Kinder wirksam schützen wollen, dann muss das eben ein permanentes Thema sein, in den Fortbildungen, bei der Einstellung der Lehrer, der Trainer, und wer?s auch immer ist, und bei dem Nachgehen aller Fälle, die es da gibt. Ohne Geld ist das auch nicht zu machen. Das muss dann auch bereitgestellt werden. Sprecherin Auch der Arzt Henning Stein hofft auf mehr Fachwissen und Zivilcourage in der Gesellschaft. Dann würden die Schlupflöcher für Täter allmählich kleiner, in Familien, aber auch in den Parallelgesellschaften der Kirchen, Schulen, Heime und Sportverbände. Auch für die heute erwachsenen Opfer wäre das eine Erleichterung. Der Sohn von Henning und Monika Stein, der durch den Missbrauch traumatisiert wurde, ist inzwischen 19. Zunächst wollte er nur vergessen. O-Ton 38 Vater Es gab im März ein Treffen des Forschungsministeriums, im Rahmen des Runden Tisches, an dem ich auch teilgenommen habe, und er war mit mir in Berlin einen Café trinken in der Friedrichstraße bei Starbucks, und dann sagte er so ? jetzt geh ich mit dir in den Sitzungssaal und schau mir mal diese Leute an, die über diese ganze Sache sprechen, und dann dacht ich: nanu, jetzt hat sich aber was getan ? und er ist mit mir die Treppe hochgegangen, in dieses Konferenzgebäude, hat sich umgeschaut und den Leuten ?Guten Tag? gesagt und sich dann zurückgezogen zum Training. Und dann dacht ich: das war jetzt ein guter Tag. Sprecher vom Dienst: Missbrauch? Das glaube ich nicht. Von der Langlebigkeit eines Tabus Ein Feature von Barbara Zillmann Es sprach: Nadja Schulz-Berlinghoff Ton: Alexander Brennecke Regie: Gabriele Brennecke Redaktion: Constanze Lehmann Produktion: Deutschlandradio Kultur 2011 16