COPYRIGHT Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur benutzt werden. DEUTSCHLANDRADIO KULTUR Zeitreisen 26. September 2012 Ein deutsches Reinheitsgebot Die juristische Verfolgung eines "Rasseschänders" im Zweiten Welt- krieg Von Kirsten Serup-Bilfeldt Vor 70 Jahren, 1942, wurde in Köln der "Rasseschänder" Carl Leopold Schaps hingerichtet. Besetzung: Sprecherin Zitator 1 (Carl Leopold Schaps) Zitator 2 (Texte) Zitatorin (Charlotte S. u. a. Frauen) O-Töne: Prof. Hans-Peter Haferkamp (Rechtshistoriker, Direktor des Instituts für Neuere Privatrechtsgeschichte, Deutsche und Rheinische Rechtsgeschichte an der Univ. Köln) Dr. Thomas Roth (Historiker, NS-Dokumentationszentrum Köln.) Atmos: 1. Bar-Atmosphäre, Stimmengewirr, Gläserklirren, Gelächter, Drink wird in ein Glas gegossen. 2. Tippen auf einer alten mechanischen Schreibmaschine. 3. Menschenmenge, Parteitagsatmosphäre. (Nürnberger Parteitag 1935) (Liegt vor) 4. Gerichtssaal, Stimmengewirr, Gerichtsglocke. 5. Fackelzug und Lieder der SA-Kolonnen am Abend des 30. Januar 1933. (Liegt vor) Musiken: 1. "Lass mich heut' abend nicht allein" (Gloria Lilienborn 1941) (Liegt vor) 2. "Die Fahne hoch" (Horst-Wessel-Lied) (Liegt vor) Atmo & Musik: Bar-Atmosphäre, Stimmengewirr, Gläserklirren, Gelächter, Musik. (Darü- berlegen): "Lass mich heut' abend nicht allein" (Gloria Lilienborn 1941) (Darüberlegen): Drink wird in ein Glas gegossen. (Hoch und unter nachfolgenden Text legen.) Zitatorin Charlotte S.: "... Hm, so was Köstliches habe ich noch nie getrunken! Was ist denn da drin..?" Zitator 1 Carl Leopold Schaps: (lachend) "Geschäftsgeheimnis...!" Atmo & Musik: Bar-Atmosphäre, Stimmengewirr, Gläserklirren, Gelächter, Musik (Darüberlegen): "Lass mich heut' Abend nicht allein" (Gloria Lilienborn 1941) (Hoch und unter nachfolgenden Text legen.) Sprecherin: So oder ähnlich beginnen alle Liebesgeschichten: An einem Sommertag 1941 reist die Berliner Sekretärin Charlotte S. nach Köln, um dort ihre Freundin Hilde zu besuchen. Die beiden sind jung, hübsch, lebenslustig und wollen sich in diesen trüben Kriegszeiten etwas zerstreuen. Sie landen in der "Atelier Bar" am Hohenzollernring. Schwingen sich auf einen Barhocker und bestellen Cocktails. Atmo kurz hochziehen Der Mann hinter der Bar mixt ihnen einen Drink, der sie hellauf entzückt. Man kommt ins Gespräch. Tauscht ein paar Artigkeiten aus. Charly nennt sich der Barmixer. Er sieht gut aus, ist charmant, weltgewandt und weitgereist. Musik: "Lass mich heut' Abend nicht allein." (Gloria Lilienborn) (Kurz hoch und unter nachfolgenden Text legen.) Sprecherin: Es vergeht kaum eine Stunde in der schummrigen Atmosphäre der Bar, da wis- sen die Berlinerin Charlotte und der Barmixer Charly, dass sie sich heftig ineinander verliebt haben. Selbstverständlich halten sie sich an die Konventionen. Zitatorin Charlotte S.: "Einfach himmlisch, dieser Cocktail..." Sprecherin: Sagt Charlotte. Charly greift dieses Signal routiniert auf. Er verspricht, ihr das Rezept aufzuschreiben und zuzuschicken. Dazu braucht er - natürlich - ihre Adresse in Berlin. So sind die Regeln dieses alten Spiels. Charlotte S. fährt nach Berlin zurück. Einige Tage später bekommt sie das Cock- tail-Rezept mit einem üppigen Strauß Orchideen. Zehn Tage später ist sie wieder bei ihrer Freundin Hilde in Köln und - auch wie- der bei Charly im "Atelier am Ring". Musik: "Lass mich heut' Abend nicht allein." (Gloria Lilienborn) (Kurz hoch und abblenden.) Sprecherin: Eine leidenschaftliche Affäre entwickelt sich zwischen den beiden, die sich nun täglich treffen. Zunächst noch ganz unverfänglich im "Atelier", dann in der Wohnung der Freundin Hilde. Der 31 Jahre alte Charly, der mit bürgerlichem Namen Carl Leopold Schaps heißt, überschüttet Charlotte mit Geschenken: Blumen, teuren Parfums. Charlotte revanchiert sich mit Essenseinladungen und steckt ihm ab und zu auch Geld zu, weil sie schnell herausfindet, dass Charly zwar auf großem Fuß lebt, aber ständig klamm ist. Irgendwann teilt Charlotte ihrem neuen Liebhaber allerdings etwas zerknirscht mit, dass sie verlobt ist! Mit einem Oberstleutnant, der an der Front steht. Charly lacht und sagt, er selbst habe es zwar so weit noch nicht gebracht, sei aber immerhin Kapitänleutnant und besitze das Spanienkreuz und den Narvikschild - beides hohe Kriegsauszeichnungen. Er sei nur im Moment noch nicht eingezogen, da er zu einigen Monaten Festungshaft verurteilt gewesen sei. Er habe nämlich einen SS-Mann angeschossen, der sich abfällig über die Marine geäußert habe. Nun sei er zwar vorzeitig entlassen worden, habe aber Dienstgrad und Ehrenzeichen noch nicht zurückbekommen, weshalb er sich als Barmixer durchschlage. Atmo & Musik: Bar-Atmosphäre Sprecherin: Irgendwann muss Charlotte zurück nach Berlin. Sie staunt nicht schlecht, als Charly plötzlich bei ihr auftaucht. Er sagt, jetzt sei er eingezogen, habe aber noch etwas Aufschub. Sie lebt in guten Verhältnissen in einer Fünf-Zimmer-Wohnung am Kaiserdamm. Etwa vier Wochen lang pendelt Charly nun zwischen Köln und Berlin. Charlotte S. merkt bald: Ihr neuer Liebhaber führt ein unstetes Le- ben, irrlichtert hin und her. Auch in Köln hat er keine eigene Wohnung, sondern logiert im "Weinhaus Deis". Die große Leidenschaft beginnt sich abzukühlen. Charlys ständige Anwesenheit in ihrer Wohnung wird Charlotte lästig. Als ihr Verlobter Urlaub bekommt, beichtet sie ihm das Verhältnis. Der Verlobte und Charly führen ein Gespräch "von Mann zu Mann", dann ist die Affäre, die so stürmisch begann, mit einem schalen Beigeschmack beendet. Doch beim nächsten Besuch bei ihrer Freundin Hilde, im März 1942, erhält Charlotte S. plötzlich eine Vorladung bei der Kölner Polizei: Atmo: Tippen auf einer alten Schreibmaschine. (Kurz hoch und unter nachfolgenden Text legen.) Zitator 2: (bellend) "Sie heißen?" Zitatorin Charlotte S.: (abblenden) "Charlotte...." Zitator 2: "Wohnhaft..?" Sprecherin: Stundenlang vernehmen die Beamten die völlig verstörte Charlotte S. "zur Per- son des Schaps". Sie muss alles aussagen, was sie über ihn weiß, muss selbst die intimsten Details über ihre Beziehung zu ihm preisgeben. Atmo: Tippen auf einer alten Schreibmaschine. (Kurz hoch und abblenden.) Sprecherin: Im Lauf dieser Befragung am 20. März 1942 wird Charlotte S. eröffnet, dass Carl Leopold Schaps, der am 14. März in Köln festgenommen wurde, Jude ist. Die junge Frau fällt aus allen Wolken. Sie gibt zu Protokoll: Zitatorin Charlotte S.: "Ich habe nicht gewusst und auch nicht wissen können, dass es sich bei Schaps um einen Volljuden handelt. Seine Papiere, soweit ich diese gesehen habe, ließen an seiner arischen Abstammung keinen Zweifel. Vor allem sein Soldbuch und die Schreiben der Wehrmacht. Auch aufgrund seiner äußeren Erscheinung kam mir niemals der Gedanke, einen Juden vor mir zu haben. Es ist für mich entsetzlich, jetzt zu wissen, dass ich mich einem Juden hingegeben habe..." Zitator 2: (zackig, gegen Ende langsam abblenden) "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15. Sep- tember 1935: Durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den Fortbestand des deutschen Volkes ist, und be- seelt von dem unbeugsamen Willen, die deutsche Nation für alle Zukunft zu si- chern..." O-Ton 1 - Prof. Hans-Peter Haferkamp: "Es geht um den Paragraphen 2, da steht also drin: außerehelicher Verkehr zwi- schen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes ist verboten. Das ist die "Rassenschande". Sprecherin: Hans-Peter Haferkamp, Rechtshistoriker an der Universität Köln: O-Ton 2- Prof. Hans-Peter Haferkamp: "Es geht um die Reinheit des deutschen Blutes... Die Grundidee ist ja, unsere Rasse reinzuhalten. Die juristischen Kommentatoren, auch Globke, haben das weit gefasst, sind noch darüber hinausgegangen." Sprecherin: Hans Globke, Kommentator der "Nürnberger Rassegesetze", hatte sich mit der ganzen Gründlichkeit, deren ein deutscher Beamter fähig ist, daran gemacht, dieses Gesetzeswerk mit seiner verworrenen Rassearithmetik sozusagen "all- tagstauglich" zu machen. Unterschieden wird nun zwischen "Voll"-, "Halb"- und "Vierteljuden", doch Globke geht noch weiter und erfindet "Achteljuden", ja, "Dreiachteljuden." Atmo & Musik: Fackelzug und Lieder der SA-Kolonnen am Abend des 30. Januar 1933. (Kurz hoch und unter nachfolgendem Text langsam abblenden.) Sprecherin: Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 folgt das Ende des Rechtsstaates und der Gewaltenteilung. Die schon immer sehr konser- vativen deutschen Juristen lassen sich problemlos gleichschalten. Unmissver- ständlich wird der Justiz von den neuen Machthabern klargemacht: O-Ton 3 - Prof. Hans-Peter Haferkamp: "Dass sie nicht sakrosankt ist, dass ihre Unabhängigkeit seitens der Politik nicht geschützt ist. Also, ihre eigentlich traditionelle Argumentation, dass sie sagen, wir sind unpolitisch, weil nur dem Gesetz unterworfen, die hat man von vorn- herein unterbunden. Was bleibt, sind Richter, die mitmachen... und die auch am Anfang diese Zeichen klar verstanden haben. Sie können sich jetzt nicht auf ihre Unabhängigkeit berufen. Es ist eher so, dass es jetzt einen Wettlauf der Verfolgungsinstanzen gibt: die Justiz vor allen Dingen das Ziel hat, nicht abgehängt zu werden durch die Gestapo und durch die Polizei, sondern dass sie versucht, ihre eigene Position zu behaupten und die Sachen an sich zu ziehen... Sie möchte bedeutsam bleiben, sie möchte die entscheidende Position im Reich behalten." Sprecherin: Der Fall Carl Leopold Schaps zeigt exemplarisch, wie Justiz- und Polizeibeamte bei der Durchsetzung des gesetzlich verordneten Unrechts nicht nur willige, sondern überaus eifrige Vollstrecker waren. Auslöser im Fall Schaps ist eine Bagatelle: eine Schlafwagenkarte im Wert von 35 Reichsmark. Der Kölner Kaufmann Heinrich S., der oft im "Atelier am Ring" verkehrt und über "Beziehungen" verfügt, hatte Schaps versprochen, ihm diese Schlafwagenkarte für eine Freundin zu besorgen. Heinrich S. bestellt die Karte beim Portier des "Savoy"-Hotels. Schaps holt sie jedoch nie ab. Folglich muss der Kaufmann sie beim Portier aus eigener Tasche bezahlen. Heinrich S. fühlt sich betrogen, sinnt auf Rache und zieht Erkundi- gungen über Schaps ein. Da das Einwohnermeldeamt Köln ihm mitteilt, dass Schaps in Mannheim geboren ist, wendet er sich an das dortige Einwohnermel- deamt und - erfährt, dass Schaps Jude ist. Sofort setzt er sich mit den Blatzheim-Betrieben, der Betreiberfirma des "Ateliers am Ring", in Verbindung und informiert die Geschäftsleitung über die sogenannte "Rassezugehörigkeit" ihres Angestellten Schaps. Vorgeladen wird nun der Geschäftsführer der Blatzheim-Betriebe, Dr. Walter Franke. Der muss erklären, welcher Teufel ihn geritten habe, einen Juden zu beschäftigen: Atmo: Tippen auf alter Schreibmaschine. (Kurz hoch und unter nachfolgendem Text abblenden.) Zitator 2: "Aufgrund einer Zeitungsanzeige wurde Schaps am 23. 7. 1941 als Barmixer für die Herrenbar des Betriebes "Atelier" eingestellt... Allerdings ließ seine Arbeitsmoral zu wünschen übrig, da er immer wieder der Arbeit fernblieb. Mal entschuldigte er sich mit einem plötzlichen Einberufungsbefehl, mal mit der Erledigung dringender persönlicher Angelegenheiten. Eines Tages zeigte er mir ein amtliches Papier, das ihn als Kapitänleutnant bezeichnete. Von diesem Zeit- punkt an habe ich Schaps als Offizier achtungsvoll behandelt..." Sprecherin: Jetzt stellt sich noch heraus, dass Schaps nicht nur einen schwungvollen Handel mit "Advokaat"-Eierlikör getrieben, sondern auch noch einige Flaschen fran- zösischen Cognac aus der Bar entwendet und sie an Kollegen verkauft hat. Bei einer Durchsuchung von Schaps' Zimmer im "Weinhaus Deis" durch Angehörige der Blatzheim-Betriebe wird überdies eine Mauser-Pistole mit elf Schuss Munition gefunden. Die Herkunft der Waffe, von der Schaps sagt, sie gehöre ihm, kann erst einmal nicht geklärt werden. Betriebs-Geschäftsführer Franke sagt weiter aus: Zitator 2: "Das Ergebnis dieser Durchsuchung führte dann dazu, dass ich am 21. 1. 42 die Unterschlagung des Schaps bei der Kriminalpolizei schriftlich meldete..." O-Ton 4 - Dr. Thomas Roth: "Was wichtig ist, ist der Anfang des Verfahrens..." Sprecherin: Erklärt der Kölner Historiker Thomas Roth: O-Ton 5 - Dr. Thomas Roth: "Schaps wird ja erst mal wegen Unterschlagung angezeigt, dann gibt's ein Er- mittlungsverfahren, das von der Kriminalpolizei geführt wird, und, ohne die Kripo zu entschuldigen, kann man doch feststellen, dass das Verfahren von denen nicht so ernst und dringlich genommen wird. Und dann kommt von außen der Hinweis: Schaps ist Jude. Das ist interessant, weil die Denunziation als Aus- löser für dieses Verfahren sehr wichtig ist und nachdem diese Beschuldigung kommt, übernimmt die Gestapo die ganze Ermittlungsarbeit." Sprecherin: Es besteht also eine Art "Konkurrenzsituation" beim Ermittlungseifer der unterschiedlichen Behörden - mit der Folge: O-Ton 6 - Dr. Thomas Roth: "Dass man nicht nur versucht hat, den Gegner, die andere Institution, in ihre Schranken zu verweisen, sondern auch, dass man den Gegner zu übertreffen versuchte, dass man versuchte, radikaler zu sein als der andere. Und in bestimmten Bereichen sieht man das, wie die einzelnen Einrichtungen - Polizei, Justiz, Kommunalverwaltung - jeweils nach der radikalsten Lösung suchten, um sich gut zu präsentieren und zu profilieren." Sprecherin: Am 14. März 1942 wird Schaps festgenommen. Nun gerät auch sein Privatleben ins Visier der Ermittler. Denn die stoßen auf eine schwindelerregende Anzahl von "Frauengeschichten", bei denen die Berlinerin Charlotte S. die Liste nur anführt: Die Schneiderin Käthe W. und die Kassiererin Anni B. sowie eine Prostituierte aus einem Bordell am Friesenwall sind nur einige seiner Kölner Kontakte. Weiter kommen - deutschlandweit - ins Spiel: Kellnerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, Bardamen, Kontoristinnen und Ehefrauen, etwa die eines ungarischen Kapellmeisters, weibliche Passagiere der Schiffe der "Hamburg-Amerika-Linie", auf denen Schaps jahrelang zur See gefahren ist. Und dann sind da: Verlobte und Freundinnen von Wehrmachtsangehörigen. Schnell finden die Beamten heraus, dass es sich bei all den Liebschaften des Festgenommenen um sogenannte "rein arische" Frauen handelt. Schaps ist eine Mischung aus "Bonvivant" und "Filou", ein Don Juan, ein Bruder Leichtfuß, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, der gern hochstapelt, viel erzählt und noch mehr verschweigt. Ermittelt wird gegen ihn wegen des Eierlikörs und des Cognacs, wegen der Pis- tole ungeklärter Herkunft und - wegen sogenannter "Rassenschande". Mit der Erkenntnis, dass Schaps Jude ist, bekommen die trivialen Unterschlagungsvorwürfe blitzartig eine völlig andere Dimension. Nun begreift Schaps, dass die Situation brandgefährlich für ihn wird. Er versucht zu bestreiten, Jude zu sein. Der Lebenslauf, den er bei seiner Vernehmung zu Protokoll gibt, hört sich so an: Zitator 1 Carl Leopold Schaps: "Meine Eltern sind mir vollständig unbekannt. Im dritten oder vierten Lebens- jahr wurde ich von einer Frau Elsa Piening aus Hamburg nach Mexiko gebracht und dort von den Eheleuten Paolo Piening in Acapulco erzogen... Mein Pflegevater Piening ist im Jahr 1927 verstorben. Von der Witwe Piening wurde ich kurz darauf auf ein Schiff der "Hamburg-Amerika- Linie" gebracht. Nach meiner Ankunft in Hamburg wurde ich von der "Hamburg-Amerika-Linie" als Aufwäscher eingestellt. Von 1927 bis zum Ausbruch des Krieges bin ich dann als Steward und zum Schluss als Dolmetscher auf verschiedenen Schiffen dieser Linie gefahren..." Sprecherin: Doch die Ermittlungsbeamten recherchieren weiter und finden heraus, dass Schaps am 31. Juli 1930 beim Polizeipräsidium in Berlin einen Staatsangehörigkeitsausweis beantragt hat. In diesem Antrag, der ja vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten gestellt wurde, hatte er die Namen seiner Eltern korrekt mitgeteilt. Nun ist es ein Leichtes, ihn bei der erneuten Vorführung in die Enge zu treiben. Die Rechnung geht auf. Jetzt sagt er aus: Zitator 1 Carl Leopold Schaps: "Ich bin nunmehr bereit, in vollem Umfang die Wahrheit zu sagen. In meiner früheren Vernehmung habe ich nicht die Wahrheit sagen mögen, weil ich die Folgen fürchtete. Ich bin als jüngstes Kind der jüdischen Eheleute Isidor Israel Schaps und der Eva Sara geb. Gans in Mannheim am 7. 10. 1910 geboren... Einige Monate nach meiner Geburt verzogen meine Eltern nach Potsdam, wo sie ein Schuhgeschäft betrieben. Vom 5. bis zum 10. Lebensjahr besuchte ich die Volksschule in Potsdam und kam dann auf das Realgymnasium in Potsdam. Als ich 12 Jahre alt war, kam ich auf das Goethegymnasium. Dort verblieb ich bis zur Sekunda. Mein Vater verunglückte im Jahr 1923 bei einem Straßenbahnunfall in Berlin tödlich..." Sprecherin: Nach einer kaufmännischen Lehre bewirbt sich Schaps bei der Reederei "Ham- burg-Amerika-Linie". Von 1930 bis 1939 kreuzt er als Aufwäscher und Steward auf Passagierschiffen über die Weltmeere. Nach seiner Rückkehr arbeitet er als Barmixer im "Indra-Palast" in Zoppot. Bei Kriegsausbruch wird er zur Kriegsmarine in Hamburg eingezogen, schnell aber wieder entlassen. Grund: seine "Rassezugehörigkeit". Zitator 1 Carl Leopold Schaps: "Ich muss hierbei bemerken, dass ich bei der Anmeldung zum Wehrmachts- stammblatt nicht nach meiner Rassezugehörigkeit gefragt worden bin. Ich selber habe auch nichts unternommen, um bei der Wehrmacht Mitteilung über meine Rassezugehörigkeit zu machen. Einesteils habe ich mich geschämt, dieses einzugestehen und auf der anderen Seite glaubte ich, dass alles gut gehen wür- de." Sprecherin: Außerdem hatte der Vater angeblich wiederholt Andeutungen gemacht, dass er nicht sein Erzeuger sei, sondern dass Carl Leopold aus einer Liaison der Mutter mit einem "Arier" hervorgegangen sei. So glaubt Schaps, doch nicht "Volljude" zu sein, geht aber der restlosen Aufklärung dieser Frage immer aus dem Weg. Über den Verbleib seiner Familie weiß er anscheinend nichts. Mutter und zwei Brüder, so sagt er aus, seien bereits Mitte der 1930er Jahre in die Schweiz ausgewandert. Er selbst habe seit Jahren keinerlei Kontakt zu seinen Angehörigen. Was hier in einer Situation zwischen Angst und Verzweiflung Wahrheit, was Halbwahrheit, was Erfindung ist, lässt sich nicht mehr ausma- chen. Der Historiker Thomas Roth: O-Ton 7 - Dr. Thomas Roth: "Das ist auch interessant bei dem Verfahren, dass man da sieht, wie er sich sozusagen seine Biografie gebastelt hat, dass man auf der anderen Seite sieht, wie der Staat das versteht, dass er zu einer endlosen Folge von Rechtsverstößen und von feindlichen Akten gegen den NS-Staat erklärt und für diesen Mensch, um den es da geht, ist es einfach Überlebensarbeit gewesen." Sprecherin: Carl Leopold Schaps wird im Kölner Gefängnis Klingelpütz inhaftiert. Er wird der "Rassenschande", des Betrugs, der Unterschlagung, des Verkehrs mit Prostituierten, des unerlaubten Waffenbesitzes und der Weigerung, den "Juden- stern" zu tragen, beschuldigt. Atmo: Gerichtssaal, Stimmengewirr, Gerichtsglocke. (Kurz hoch und abblenden.) Sprecherin: Der Prozess wird am 25. Juni 1942 vor dem "Sondergericht" Köln eröffnet: O-Ton 8 - Dr. Thomas Roth: "So hat man 1933 Spezialgerichte installiert, die relativ schnelle Urteile sprechen sollten, die direkt rechtskräftig waren, also gegen die keine Revision oder Berufung zulässig waren. Sondergerichte waren zunächst dafür zuständig, politische Delikte abzuurteilen: Hochverrat, Landesverrat, was später dann auch von den Oberlandesgerichten und vom Volksgerichtshof verfolgt wurde, aber auch die kleinen Meckereien, Motzereien im Alltag, was damals als Heimtücke gefasst wurde. Im Krieg bekamen die Sondergerichte aber eine weitere Aufga- benzuteilung: sie waren nämlich nach und nach für alle Taten zuständig, die die innere Front bedrohten, also Kriegswirtschaftsvergehen, Diebstähle bei Verdunkelung, Durchstechereien auf den Kriegsschäden-Ämtern - alles das wurde von den Sondergerichten verhandelt und damit einher ging eine deutliche Strafverschärfung." Atmo: Gerichtssaal, Stimmengewirr, Gerichtsglocke. (Kurz hoch und abblenden.) Sprecherin: Die Anklageschrift umfasst 18 Seiten. Das Gericht geht mit deutscher Gründ- lichkeit ans Werk, um diesen Fall der sogenannten "Rassenschande" in all seinen Einzelheiten aufzuklären. Alle werden sie vorgeladen: die "rein arischen" Frauen, die mit Schaps "geschlechtlich verkehrt" haben. Zitator 2: "In der Strafsache.... hat der Beschuldigte zugegeben, unter anderem mit der Irmgard M. aus Elmshorn... im Jahre 1940 zweimal geschlechtlich verkehrt zu haben. Ich ersuche, die Zeugin hierzu eingehend zu vernehmen..." Sprecherin: Mit großer Akribie durchkämmen die Kölner Juristen das halbe Deutsche Reich nach den Frauen, stöbern sie überall auf und wenn sie gefunden und vorgeladen sind, müssen sie nicht nur ihren eigenen "Ariernachweis" beibringen, sondern auch noch die "arische Abstammung" von Eltern und Großeltern bezeugen. Es werden seitenlange Abstammungsurkunden, Auszüge aus Standesamtsakten, aus Tauf- und Trauregistern der Kirchengemeinden vorgelegt. "Eingehend vernommen" wird auch die Bardame G. aus Hamburg. Sie wird be- fragt, ob es beim Geschlechtsverkehr mit Schaps zu irgendwelchen "Perversitä- ten" gekommen sei. Sie verneint. Sie muss Auskunft darüber geben, "wie der Geschlechtstrieb bei Schaps entwickelt" gewesen sei. Zitatorin: "Schaps war mit allen Raffinessen ausgestattet. Er liebte die Abwechslung. Er war ein Genießer, der mit allen Hunden gehetzt war." Sprecherin: Die Sängerin Erna S. gibt zu Protokoll, sie habe Schaps in Zoppot getroffen, wo sie mit ihrem Verlobten weilte. Sie habe Schaps so sympathisch gefunden, dass sie bereit gewesen sei, ihre Verlobung zu lösen. Zitatorin: "Soweit ich mich entsinne, hatte ich mit Schaps zweimal Geschlechtsverkehr am Strand, genauer bezeichnet: im Strandkorb..." Sprecherin: Auch Erna S. gibt an, nicht gewusst zu haben, dass Schaps nicht "deutschblütig" war. Schließlich, so sagt sie, habe nichts auf seine jüdische Abstammung hinge- deutet: Zitatorin: "Schaps hat blaue Augen und nach meinem Dafürhalten keine jüdischen Merk- male..." Sprecherin: Sämtliche "arischen" Freundinnen des Carl Leopold sind keine Angeklagten in diesem Prozess, sondern werden lediglich als Zeuginnen vernommen: O-Ton 9 - Prof. Hans-Peter Haferkamp: "Das ist eine skurrile Geschichte. Das geht auf Hitler als Person zurück. Hitler schreibt bereits in "Mein Kampf", dass in sexuellen Fragen die Frau immer die Passive ist. Und deswegen... kommt sie nie als Täter in Betracht aus seiner Sicht..." O-Ton 10 - Dr. Thomas Roth: "Die Pointe dessen, dass man die Frauen nicht unter Strafandrohung gestellt hat, war ja auch, dass sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht als Beschuldigte nicht Gebrauch machen konnten. So hatte man immer die Frauen als Be- lastungszeugen zur Verfügung. Man hat einerseits dieses sehr krude Frauenbild, aber andererseits eine ganz geschickte strategische Herangehensweise." Sprecherin: Schaps hat Charme, Witz, Fantasie und den Schuss Lasterhaftigkeit, der ihm eine seltsame Attraktivität verleiht. Hans-Peter Haferkamp: O-Ton 11 - Prof. Hans-Peter Haferkamp: "Wie dieser Mann es geschafft hat... als 31jähriger gesunder offensichtlich gut- aussehender Mann in diesen Bars über Jahre hinweg zu überleben, das ist na- türlich aus damaliger Sicht, aus dem Blick eines antisemitischen Richters eine unglaubliche Geschichte. Und man spürt, dass diese Richter ihn verurteilen wollen." Sprecherin: Carl Leopold Schaps war ein Abenteurer, ein Lebenskünstler, ein Betrüger - aber das alles begründete nicht den Verfolgungs- und Ermittlungseifer der Be- hörden, sondern - die Verletzung des rassischen Reinheitsgebotes. Atmo: Gerichtssaal, Stimmengewirr, Gerichtsglocke. (Kurz hoch und unter nachfolgendem Text abblenden.) Zitator 2: "Im Namen des Deutschen Volkes! Strafsache gegen den Juden Carl Leopold Israel Schaps, zuletzt Barmixer in Köln, Unter Goldschmidt 5, geboren am 7. 10. 1910 in Mannheim, zur Zeit in Köln in Untersuchungshaft wegen Rassenschande... Das Sondergericht 1 beim Landgericht Köln hat in der Sitzung vom 8. Juli 1942... für Recht erkannt: Der Angeklagte wird wegen Rassenschande in sieben Fällen zum Tode verurteilt..." O-Ton 12 - Prof. Hans-Peter Haferkamp: "Das Urteil basiert auf verschiedenen Straftaten: einerseits auf Rassenschande, da werden ihm sieben Fälle vorgeworfen und die gelten auch als nachgewiesen und dann geht es um Betrug, Diebstahl, Unterschlagung, eine Reihe von Ver- mögensdelikten. Und diese Vermögensdelikte werden eingestellt... aber für die Argumentation, auf die es diesen Richtern hier ankommt - es geht ihnen darum nachzuweisen, dass er Gewohnheitsverbrecher ist - spielt das am Schluss auch eine Rolle. Es geht darum, dass ihre Argumentation die ist, dass damit zu rech- nen ist, wenn er wieder freikommen würde, dass er genauso Vermögensdelikte begeht und dass er auch wieder Rassenschande begeht. Das ist die innere Logik des Urteils." Zitator 2: "... Durch freches und arrogantes Auftreten weiß er Frauen gegenüber eine gewisse Überlegenheit vorzuspiegeln und so auch gefühlsmäßig Eindruck zu erwecken... Hemmungslos geht es seinem Ziel auf Befriedigung seines Geschlechtstriebs nach und hat, wie die Vielzahl seiner rasseschänderischen Taten beweist, es auf diesem Gebiet zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Dabei schreckt ihn nicht einmal die Möglichkeit, dass aus diesem Verkehr Judenbastarde entstehen können..." Sprecherin: Schaps reicht drei Gnadengesuche ein: eines an "Seine Exzellenz, den Herrn Reichsminister Dr. Rust und Gemahlin", die er persönlich einmal auf dem Passagierschiff "Milwaukee" begrüßt hatte. Ein weiteres Gnadengesuch geht an den Vorsitzenden des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, und ein drittes an den "Führer und Reichskanzler Adolf Hitler". Die Texte dieser Briefe, ihr flehentlicher Appell machen Schaps' Verzweiflung und Todesangst deutlich. Alle drei Gesuche werden abgelehnt. Die Hinrichtung wird zunächst auf Freitag, den 21. August 1942 festgesetzt. Sie wird dem Scharfrichter Friedrich Hehr aus Hannover übertragen. Doch der hat Terminschwierigkeiten, weshalb man sich nun auf ein früheres Datum einigt: Weiter wird notiert, die Angehörigen des Verurteilten hätten auf die Herausgabe des Leichnams verzichtet. Eine Lüge, da niemand in der Familie vom Prozess geschweige denn von der bevorstehenden Exekution weiß. Erst über 60 Jahre später erfahren zwei Neffen Carl Leopold Schaps', die in der Schweiz leben, vom Schicksal des verschollen geglaubten Verwandten. Schaps´ Mutter hatte bis zu ihrem Tod nie etwas vom Schicksal ihres Sohnes erfahren. Der Ablauf der Hinrichtung ist minutiös dokumentiert: Zitator 2: "In dem vorderen Teil der von Mauern umschlossenen, überdachten und völlig gegen Einsicht verdeckten Richtstätte des Gefängnisses stand ein schwarz verhangener Tisch mit zwei brennenden Kerzen. Gegenüber diesem Tisch, zunächst durch einen roten Vorhang getrennt, befand sich in dem rückwärtigen Teil der Richtstätte das Richtgerät. Dieser Raum wurde durch eine unmittelbar seitlich von dem Tisch befindliche mit einer Tür verschlossene Maueröffnung betreten. Um 21. 20 Uhr wurde der verurteilte Schaps von zwei Strafanstalts- wächtern aus dem Gefängnis ... gebracht.... und mit auf dem Rücken gefesselten Händen vorgeführt... Der erste Staatsanwalt Dr. Schwabe las nunmehr dem Verurteilten den urkundlichen Teil des Urteils vor... In diesem Augenblick wurde der rote Verhang zurückgezogen. Das Richtgerät wurde sichtbar. Die drei Gehilfen des Scharfrichters.... führten den Verurteilten ans Richtgerät und legten ihn mit dem Kopf nach unten auf dieses. Hierauf vollzog der Scharfrichter Hehr die Hinrichtung. Die Vollstreckung vom Befehl der Vorführung des Verurteilten Schaps bis zur vollendeten Hinrichtung dauerte 101 Sekunden, von der Überga- be an den Scharfrichter bis zur Trennung des Kopfes 5 Sekunden..." Sprecherin: Einen letzten Brief hat Carl Leopold Schaps an die Frau geschrieben, die wohl auch nach dem Ende ihrer stürmischen Liebesaffäre immer einen Platz in seinem Herzen behalten hat: die Berlinerin aus dem "Atelier am Ring": Zitator 1 Carl Leopold Schaps: "Köln, den 20. August 1942. Meine liebe Charlotte. Die letzten Gedanken und Grüße an Dich und alle anderen. Haltet mich in Erinnerung. Dein dankbarer Charly." Sprecherin: Die Leiche des Hingerichteten wird dem Anatomischen Institut der Universität Münster übergeben. Aufzeichnungen, was mit dem Körper geschehen ist, exis- tieren nicht. Carl Leopold Schaps hat kein Grab. 1 Schaps