Deutschlandradio Kultur Länderreport Lagerschrecken im Naturparadies ... ... und der steinige Weg zu einem Gedenkort für das KZ Uckermark Autorin Leyk, Gesine Sprecherin Paul, Birgit Regie Korte, Jadwiga Redaktion Stucke, Julius Länge 19:49 Minuten Sendung 10.12.2012 - 13 Uhr 07 M A N U S K R I P T B E I T R A G Atmo (Abrissbagger, dann unterlegt) Sprecherin Panzerhallen werden abgerissen, in Fürstenberg an der Havel. Hinterlassenschaften der sowjetischen Armee. Verlassen, von der Natur überwuchert, zurückerobert. Ein letztes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte wird entsorgt. Atmo (Abriss weg und kurzes Klatschen) OT 01 (Rast, verantwortlicher Projektingenieur für den Abriss) Die Hauptaufgabe ist ein logistisches Problem. Hier befinden sich Unmengen an seltenen Vögeln, Fledermäusen, Echsen und Schlangen. Und die sollen wir ja, und wollen wir ja, nicht töten. Atmo (Natur, Wind, Vogelgezwitscher, Laufen unterlegt) Sprecherin Unter den Panzerhallen taucht ein ganz anderes Stück deutscher Geschichte wieder auf. Lange vergessen, lange verschwiegen. Die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Uckermark, für Mädchen und junge Frauen. OT 02 (Sieglinde Helmsdorf, Zeitzeugin) Naja, die ham ja dann Giftpulver bekommen, es sind ja Spritzen gegeben worden, Spritzen, die gleich ins Herz gegeben wurden und weg warn die Leute. Atmo (Krähen kurz & weg, dann Natur unterlegt) Sprecherin Wer hier heute durch die Landschaft spaziert - sieht nichts von dieser Vergangenheit - nichts vom Lager. Nur die Reste der sowjetischen Panzerhallen - Beton - schon lange verlassen. Nichts von der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dafür ein freier Blick, viel unberührte Natur. Wiesen - sich selbst überlassen. Gras und Kiefern duften. Echsen huschen in den Gräsern, Eichhörnchen in den Kiefern. Vögel im Flug über dem See. OT 03 (Anita Köcke, Überlebende des Lagers) Ich bin am 17.1.1925 geboren und ich bin unehelich geboren. Und zu der damaligen Zeit hatte nur das Jugendamt über einen zu sagen gehabt, bis zum 21. Lebensjahr, für mich, weil ja meine Mutter nicht verheiratet war und ich bei Pflegeeltern untergebracht war. Nach dem 8. Lebensjahr, ich war dann in Waisenhäusern, in Kinderheimen, dann mal wieder bei Verwandten. Da bei den Bauern nen Jahr und dann nach Kiel in die Werft. Da bin ich abgerückt, abgehaun. Da hatten sie mich in Wien erwischt. Das nannte man "asozial". Atmo (Krähen kurz & weg, dann Musik unterlegt) OT 03 fortges. (Anita Köcke) Und da hat man mir gesagt: Wenn du nicht bleibst, nicht gehorchst, dann bringen wir dich dahin, wo du das Arbeiten lernst. Sprecherin Das Lager Uckermark ist das einzige Konzentrationslager, in dem vor allem Mädchen und junge Frauen wie Anita Köcke inhaftiert sind. Ab 1942. In den letzten Monaten, ab Januar '45 dient Uckermark dann als Vernichtungslager für Frauen aus dem KZ Ravensbrück. Nach der Befreiung 1945 reißen die sowjetischen Truppen das Lager ab, bauen riesige Panzerhallen und Betonwege darauf, sperren das Gelände mit einem Zaun ab. Zugang verboten. 1993 ziehen die sowjetischen Truppen ab. Übrig bleibt nur der Zaun, Beton - und Natur. Sprecherin Corinna Schmechel engagiert sich mit anderen in der "Initiative für einen Gedenkort". Sie wollen das ehemalige Lager begehbar machen. Die Panzerhallen abreißen, den Militärzaun öffnen, alte Wege und Baracken rekonstruieren. An die Geschichte des vergessenen Lagers erinnern. OT 04 (Corinna Schmechel) Es richtete sich gegen so genannte "asoziale" und sogenannte "sexuell verwahrloste" Mädchen und junge Frauen. Und natürlich gab´s gewisse Faktoren, die anfällig dafür gemacht haben. Das war eben zum Beispiel einer sozial schwachen Schicht anzugehören, aus einer Familie zu kommen, die schon als "asozial" stigmatisiert war. Das heißt große Familien, arme Familien, Familien, wo Leute politischen Widerstand geleistet haben, als auch diverse Verhaltensweisen von Mädchen und jungen Frauen, die nicht gut angesehen waren. Das war zum Beispiel die Verweigerung in den "Bund deutscher Mädel" einzutreten. Das konnte sein Kontakt zu nicht-deutschen Personen, zu jüdischen Personen. Sprecherin Diese Mädchen passen einfach nicht in das Bild einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Sie werden als "asozial" stigmatisiert und ins Konzentrationslager gebracht. Es gibt auch einen spezifisch weiblichen Haftgrund: "Sexuelle Verwahrlosung". Das meint häufige Männerkontakte, oder Kontakte zu Zwangsarbeitern. Corinna Schmechel: OT 05 (Corinna Schmechel) Das konnte aber auch ausreichen, mehrmals gesehen zu werden, wie man mit jemanden ins Kino geht oder halt rumhängt. Als auch lesbische Kontakte. So gab´s diverseste Gründe, warum da Frauen und Mädchen inhaftiert worden sind in der Uckermark. Was ich aber wichtig finde herauszustellen ist eben, dass es oft Leute getroffen hat, die sowieso schon einen schwachen Stand in der Gesellschaft hatten, auf die dann sozusagen die Waffen von Stigmata wie "Asozialität" und "sexueller Verwahrlosung" angewendet werden konnten. Atmo (Musik unterlegt) Sprecherin Die Polizei hat freie Hand. Wen sie verdächtig, kann sie inhaftieren. Um "Verbrechen" vorzubeugen. Die Mädchen werden im Lager isoliert, leisten schwere Zwangsarbeit. Prügel, Appellstehen, stundenlang, Demütigungen und Schikanen, Hunger und Krankheiten sind an der Tagesordnung. Sie dürfen nicht sprechen, weder tags noch nachts. Wer redet, wird bestraft. OT 06 (Anita Köcke) Ich hatte gedacht, das war ein Kinderheim, ich wusste ja gar nicht, was Uckermark eigentlich war. Ich war auf´m schwererziehbaren Block, Block 6. Da kriechte man jede Strafe gemeldet und wo landete ich? 10 Tage im Bunker. Ich kenne viele, die frech waren und auch im Bunker waren - aber wo die geblieben sind, das weiß ich nicht. Aber ich habe auch gesehen wie sie in Stacheldraht gerannt sind, elektrischen. Ssschhhh und zack! wie so bissel ne Stichflamme. Tot. Ah-ja, das habe ich schon gesehen, das habe ich viermal gesehen. Nee, also wenn ich heute an die Zeit denke, mmhh-mmhh, tät ich mir ne Kugel nehmen, wenn ich das heute nochmal durchmachen müsste. Sprecherin Nicht nur bei Anita Köcke spielen die Fürsorge- und Jugendämter eine besondere Rolle. Viele Mädchen kommen aus staatlichen Heimen oder Pflegefamilien. Ihre Erzieherinnen und Vormünder stecken sie ins Lager Uckermark. OT 07 (Corinna Schmechel) Das waren ganz oft Mädchen, die vorher schon aufgefallen sind durch Verweigerung von Zwangsarbeitsdiensten oder durch Weglaufen aus Heimen. Es war ja unter den Nazis als "Jugendschutzlager" bezeichnet. Das heißt, wie sich das Lager sozusagen legitimiert hat nach außen, war, auch die deutsche Jugend als Trägerin der deutschen Gesellschaft zu schützen und zu erziehen und zu formen. Und das Perfide an dem Namen - dass er doppeldeutig zu verstehen ist. Aber in der Realität: Klar, dass es da nicht um den Schutz dieser Jugendlichen ging, die da inhaftiert waren, sondern um den Schutz des Rest der Gesellschaft vor diesen Jugendlichen, die eben als störende Elemente wahrgenommen wurden. Sprecherin "Schwer erziehbar", "verwahrlost", "asozial" - auch nach '45 wirken die Stigmata weiter. Viele schweigen aus Scham. OT 08 (Corinna Schmechel) Es gibt Geschichten von Überlebenden, die auch nach '45 weiter den juristischen Vormund hatten, der dafür verantwortlich war, dass sie inhaftiert worden sind. Oder die auf Jugend- und Sozialämtern Beamten, die ihre Einweisung veranlasst haben, wieder gegenübergesessen haben. Atmo (Musik unterlegt) Sprecherin Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark gerät in Vergessenheit. Erst Anfang der 70er Jahre wird Uckermark als Konzentrationslager staatlich anerkannt. Trotzdem ist es schwierig, Renten-, Opfer- und Entschädigungszahlungen durchzusetzen. Bis heute haben die Überlebenden keine große Lobby in Öffentlichkeit. Die wenigen, die es noch gibt. Die Lagerleitung wird nach 1945 nicht bestraft. Im Gegenteil: Aufseherinnen und Leiterin des Lagers können weiterarbeiten. Als Kriminalbeamtinnen und Sozialarbeiterinnen. Im Sommer 2012 beginnt der Abriss der sowjetischen Panzerhallen. Die ersten Hallen verschwinden, der Rest wird folgen. Ein Schritt ist getan, hin zu einem öffentlichen Gedenkort. Atmo (Musik weg und Abrissbagger unterlegt) Sprecherin Der Bürgermeister von Fürstenberg freut sich über den Abriss der alten Militäranlagen. Atmo (Abriss weg und Natur, Vogelgezwitscher unterlegt) OT 09 (R. Philipp - Bürgermeister von Fürstenberg) Das ist einfach eine gute Sache für einen Erhohlungsort, ´nen Tourismusort, dass das dann hinterher auch der Erholung entspricht. Dort vorne führt ein Radweg vorbei, da fahren 20.000 Radfahrer entlang pro Jahr. Die können dann künftig gefahrloser da vorbei und die Natur und die Gesundheit genießen. Atmo (Natur, Erholung, Fahrradklingeln, Lachen kurz & weg) OT 10 (Anita Köcke) Wenn´s Stockhiebe gab, oh, wenn sie da geschrien haben, geschrien, die war´n ja angeschnallt, das konnste meilenweit hören, ja. Sprecherin Naturparadies. Lagerschrecken. Ganz nah beieinander. Atmo (Kaffee und Kuchen kurz & weg) Sprecherin Brigitta Hoffmann lebt im Nachbardorf Himmelpfort. OT 11 (Brigitta Hoffmann) Es gab ja schon genau zu der Zeit, als es als KZ genutzt wurde, eine ganz große Paddlergemeinde und Berliner sind da zur Sommerfrische hingefahren. Und die sind da mit den Paddelbooten vorbeigefahren, haben die Natur genossen, die konnten das ja sehn. Du kannst es nicht übersehen, wenn du da durchfährst. Und wenn ich da heute durchfahre, dann seh ich da diese Bilder und frag mich, was haben die da ausgeklammert, was ging in diesen Menschen vor? War das nur die schöne Natur und der Weg und alles andere war weg? Atmo (Musik unterlegt) Sprecherin Zwischen Himmelpfort und Fürstenberg liegen eng beieinander das Mädchenlager Uckermark und das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Beide Lager sind eng miteinander verflochten. Auch das Siemenslager gehört dazu, in dem viele Mädchen und Frauen Zwangsarbeit verrichten mussten. Seit 1959 ist das KZ Ravensbrück eine Mahn- und Gedenkstätte. Staatlich finanziert und organisiert. Sprecherin Und das Lager Uckermark? Wie kann dessen Zukunft als Gedenkort aussehen? Das fragen sich diejenigen, die gemeinsam an einem Tisch zusammensitzen: in der "Arbeitsgemeinschaft Uckermark". Das sind vor allem die "Initiative für einen Gedenkort", Überlebende, ihre Freunde und Angehörige, nicht zuletzt die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück - geleitet von Insa Eschebach. OT 12 (Dr. Insa Eschebach, Leiterin MGR) Für mich ist das Besondere an Uckermark eben gerade: Das ist jetzt nicht wie Ravensbrück 1959 ein staatlich gegründeter Gedenkort, sondern eben einer, der aufgrund von Interesse und Engagement einzelner Gruppen ins Leben gerufen wird. Sprecherin Die "Initiative für einen Gedenkort" vertritt ein "offenes Gedenkkonzept". Gedenken nicht fixieren an abgeschlossenen Orten oder in starren Formen - darum geht es ihnen, erklärt Corinna Schmechel. OT 13 (Corinna Schmechel) Es gibt dann so Gedenkstätten, so bestimmte Orte, die sind auf bestimmte Weise sozusagen "heilig", da darf man auch ganz viele Sachen nicht machen. Und muss bestimmte Sachen machen und da wird halt gedacht. Und dann geht man raus und dann ist alles wieder erlaubt und in Ordnung. Und das spiegelt aber überhaupt nicht die Wirklichkeit wider auch dessen, woran da gedacht wird. Weil die Lager haben ja auch nur existiert wegen all der Sachen, die außerhalb der Lager passiert sind. Und die Verbrechen sind alltäglich in allen möglichen Wohnungen, auf allen Straßen passiert. Das als so eine Kritik, warum es besser ist, es offen zu gestalten. Sprecherin Also nicht nur Wissensvermittlung, Tafeln mit historischen Fakten. Auch Fragen: Was weiß ich von meiner Familie, den Großeltern? Was wird zu Hause erzählt - was verschwiegen? Wen nenne ich "asozial" und wen "normal"? Atmo (Krähen kurz & sachte weg) Sprecherin Einen eigenen, ganz persönlichen Zugang zur Geschichte finden - das erleben die Menschen der "Initiative für einen Gedenkort" während ihrer sommerlichen Baucamps, die sie in Eigenregie organisieren. Sie treffen sich mit Überlebenden, hören deren Geschichten und machen sie für andere hör- und sichtbar. OT 14 (Sieglinde Helmsdorf) Es ist auch so, dass diese Menschen uns Liebe geben, das muss auch mal mit gesagt werden, mit welcher Intensität das gemacht wird, mit welcher Liebe - diese Herzlichkeit, dieses Offene, dieses offene Geben, ohne Scheu, und das finde ich einfach super, deswegen bin ich so gerne hier in diesem Camp. Sprecherin Sie graben Barackenfundamente aus, entdecken die alten Lagerwege wieder und markieren sie. Auch den Appellplatz. Die Krankenstation, dort, wo das Gift gespritzt wurde. Sprecherin Eine Frau hat einen Glasbaustein in die Wildnis gesetzt, eine Blume und eine kleine rote Kerze, dazu ein Schild: "Lagertor". OT 15 (Dr. Insa Eschebach, Leiterin MGR) Das ist für mich eine Installation, die ist phantastisch. Uckermark ist so ein reicher Ort, ja, der so viele Möglichkeiten gibt, um sich da einen eigenen Zugang zu der Geschichte dieses Ortes zu schaffen. Ich würde mir wünschen, dass es genau so bleibt, dass Leute dort ihren eigenen Modus finden, um sich mit der komplexen Geschichte dieses Ortes zu befassen. Das fände ich wirklich toll. Sprecherin Aber es wird auch gestritten - über die Zukunft des Gedenkorts. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück nennt das Lager "Jugendschutzlager". Das ist der historisch korrekte Begriff - so haben die Nationalsozialisten das Lager genannt. OT 16 (Chris Rotmund) Also stell dir mal vor: Da kommt irgendwie eine Überlebende auf´s Gelände und liest als erstes "Jugendschutzlager". Das ist einfach furchtbar diese Vorstellung. Sprecherin Chris Rotmund von der Initiative für einen Gedenkort erntet Widerspruch. OT 17 (Dr. Insa Eschebach, Leiterin MGR) Ich meine dazu, dass "Jugendschutzlager" der historische Begriff ist. Das ist ein Lagertypus, der sich unterscheidet von anderen Lagern. Jugendschutzlager, von denen es zwei gab, eins für Jungs, eins für Mädchen, sind ja ganz anders organisiert. Da war der Erziehungs-, der sogenannte "Erziehungsgedanke", wenn man es so überhaupt benennen will, der stand da im Vordergrund. Die hießen auch nicht Häftlinge, die hießen Zöglinge. Da stecken andere institutionelle Verantwortlichkeiten dahinter. Was nicht bedeutet, dass die Lebensbedingungen nicht auch parallel schlecht waren oder auch immer schlechter wurden, als der Krieg voranschritt. OT 18 (Sieglinde Helmsdorf) Man benutzt immer wieder die Worte "Schutzlager", "Jugendschutzlager". Sie sind vor nichts geschützt worden, dann wär´n sie nicht dort gewesen, dann hätten sie überlebt, alles was da passiert ist. Und dagegen wehre ich mich. Sprecherin Sieglinde Helmsdorf. Ihre Mutter kommt als sogenannte "Asoziale" nach Ravensbrück. In Auschwitz wird sie ermordet. Auch ihr Vater wird als "asozial" inhaftiert und in Sachsenhausen ermordet. 1938 liefert das Jugendamt Sieglinde ins Heim ein. Sie ist wenige Monate alt. OT 19 (Sieglinde Helmsdorf) Es ist in beiden deutschen Staaten, 70 und 72, ganz offiziell als KZ, als "Jugendkonzentrationslager" deklariert worden. Ganz offiziell. Und neuerdings fängt man wieder an und umgeht das und sagt "Jugendschutzlager". Sprecherin "Jugendschutz" im Lager Uckermark - das hieß Leben unter Bedingungen "nicht anders als im Konzentrationslager", meint Sieglinde Helmsdorf. Atmo (Musik unterlegt) Sprecherin War das Lager Uckermark nun ein "Konzentrationslager" oder ein "Jugendschutzlager"? Dass in Uckermark ein KZ-ähnlicher Lageralltag herrschte, bestreitet auch die Mahn- und Gedenkstätte nicht. Sie verweist aber darauf, dass das Lager formal nicht von der SS verwaltet wurde, sondern von der Reichskriminalpolizei. Außerdem spielte der "Erziehungsgedanke" eine besondere Rolle. Genau hier wird Kritik laut: Heute das Lager auf Namensschildern symbolisch verknappt "Jugendschutzlager" zu nennen, also die nationalsozialistischen Gedanken und Begriffe zu übertragen, verharmlose die Verbrechen und verletze die Gefühle von Überlebenden. An einem Gedenkort undenkbar. Es geht in dem Namensstreit nicht zuletzt darum, wie historische Fakten an einem Gedenkort vermittelt werden sollen. Und inwieweit die Stimmen der Überlebenden gehört werden. In den letzten Kriegsmonaten wandelt sich die Funktion des Lagers Uckermark - es wird zum Vernichtungslager. Viele alte und geschwächte Frauen aus Ravensbrück kommen nach Uckermark. Stanka Simonetti unterstützt als junges Mädchen die slowenischen Partisanen gegen die deutsche Wehrmacht. Dafür wird sie zunächst in Ravensbrück inhaftiert, dann in Uckermark. OT 20 (Stanka Simonetti) Bei uns in Ravensbrück, war dann schrecklich überfüllt, weil da sind Auschwitzer hergekommen, von allen Seiten, da waren auf einmal 40.000 Leute anstatt 10, weiß ich nicht genau wie. Viele waren zuviel da, war kein Platz. Und haben sie diese kranken und unfähigen Leute wegbringen müssen auf kurzem Weg. Und haben sie gedacht, schicken wir diese aus Ravensbrück nach Uckermark - zum Umbringen. Sprecherin Auch in diesem Punkt streitet man heute über Begriffe. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sagt "Sterbelager", um die letzten Monate von Uckermark zu charakterisieren. OT 21 (Sieglinde Helmsdorf) Ich denke, es kommt schon eher einem Vernichtungslager gleich. Denn es wurden ja Baracken abgegrenzt, wo die Vernichtung stattgefunden hat. Die sind ja mit Medikamenten und Spritzen getötet worden und das ist kein natürlicher Tod, ist kein natürliches Sterben. Die haben dann ja Giftpulver bekommen, es sind ja Spritzen gegeben worden, Spritzen, die gleich ins Herz gespritzt wurden und weg warn die Leute. Atmo (Natur, Vogelgezwitscher unterlegt) Sprecherin Uckermark. Leute zu Fuß, Radlerinnen, Paddler - sie alle genießen hier die Natur. Die Geschichte des Lagers? Atmo (Natur weiter unterlegt, dazu Musik unterlegt) Lange vergessen. Nun wird das Gelände wieder zugänglich gemacht. Ein Gedenkort entsteht. Viele freuen sich: über diese ersten Schritte. Manch Streit wird es noch geben: über den Namen des Gedenkorts. "Jugendschutzlager" oder "Jugendkonzentrationslager", "Sterbelager" oder "Vernichtungslager". Noch können wir die Meinung der Überlebenden dazu hören ... -E N D E- 1