DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Dossier Der Midas-Effekt. Wie Kunst zu Geld wird Von Katrin Albinus Sprecherin: Claudia Mischke Redaktion/Regie: Ulrike Bajohr Ton und Technik: Ernst Hartmann und Beate Braun Produktion des Deutschlandfunks 2008 mit dem Saarländischen Rundfunk und dem Norddeutschen Rundfunk URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? DeutschlandRadio Sendung DLF: 4. Juli 2008 Münze rollt, in A2 Kunsthalle, darauf: 01 Autorin: Wissen Sie, wie die Preise auf dem Kunstmarkt zustande kommen? Junger Mann: Ist die Frage, wie teuer die Farben waren erstmal, weil ich meine, das ist ein ziemlich großes Bild und viele Farben wurden auch benutzt und wenn wir zum Beispiel in den Kunstladen gehen und irgendwie uns was kaufen wollen, das sieht immer schon übel aus. Da beschränkt man sich dann meistens auf zwei Farben. Junge Frau: Ich denk mal, (....) weniger, was an Material und Arbeitsstunden drin ist, sondern die Nachfrage auch und ob `s gefällt, ob das viele Leute besitzen möchten. Mann: Und die Leute haben teilweise zu viel Geld und müssen es investieren. Das ist auch ein Punkt. 02 Christoph Heinrich Museumsleute haben den Vorteil, dass sie nicht über Werte sprechen müssen. Das Geld, der Geldwert eines Bildes interessiert mich überhaupt nicht, außer dass zum einen eine Versicherungspolice abgeschlossen werden muss, die dann den Wert xy da stehen hat und ich irgendwo für den Wert gerade stehen muss, und dass ich, wenn ich etwas ankaufen will, natürlich konfrontiert bin mit der Situation des Kunstmarktes. A 2 weg 03 Daniel Richter Beim Kunstwerk, da gibt `s eben diese Verwandlung von etwas, was an sich keinen Wert hat, also zumindest keinen, den es sonst gibt. ...Leder, wird durch die Arbeit des Schusters in Schuhe verwandelt. Je nachdem, wie viel Arbeit rein fließt, wie viel Kennertum, wie viel Fachmannschaft, ist der Schuh dann dementsprechend teuer. Und nur bei Kunst gibt `s ja dieses absurde Moment, dass im Prinzip eben aus drei Bleistiftgekrickelstrichen auf billigem Papier etwas wird, was teurer ist, als alles andere. Das ist diese Midas-Verwandlung von Scheiße in Gold, wenn man so will. Das wird vom Markt berührt, und dann verwandelt sich das in Gold. Musik: e.s.t. /LC 07644/Track 4: Behind the Yashmak, von Beginn, hoch, darauf: Ansage Der Midas-Effekt. Wie Kunst zu Geld wird. Ein Feature von Katrin Albinus Musik kurz hoch, unter Erzählerin Erzählerin König Midas, sagenhafte Gestalt der antiken Mythologie, galt vor allem als dumm und gierig. Um so weise zu werden wie Silenos, glaubte Midas, es genüge bereits, ihn zu fangen. Also stellte er ihm eine Falle: er mischte Wein in eine Waldquelle, Silenos trank davon, schlief ein und geriet so in die Hände des Midas. Doch Dionysos, Silenos` Schüler, vermisste seinen alten Lehrer und musste Midas für dessen Freigabe einen Wunsch erfüllen. Und so wünschte sich König Midas, dass alles, was er berührte, zu Gold werde. (Musik weg bei ca: 50") 04 Daniel Richter Dass da jemals so viel Bedeutung und Geld entstehen würde, das hat, glaube ich keiner von uns jemals gedacht. Das ist auch, glaube ich, nicht romantisch, ich glaub, dass alle auf eine bestimmt Art und Weise immer gedacht haben, es wäre super, wenn man davon leben könnte, wenn man seine Freunde, seine Familie ernähren kann, und akzeptiert ist in dem Kreis der Künstler, der Leute, die man für Connaisseure und Kenner hält . Erzählerin Daniel Richter, Maler, 45 Jahre alt, lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. Er zählt derzeit wie Neo Rauch oder Jonathan Meese zu den erfolgreichsten jüngeren deutschen Künstlern der Gegenwart. 05 Daniel Richter Und wenn man dann eben Geld damit verdienen kann, gut, aber keiner von uns hat damit gerechnet, dass man irgendwann Interviews darüber geben muss, wie schlimm das ist, 10 Millionen Dollar Auktionspreise zu kriegen. Münze, kurz 06 Nicole Hackert Eine der ersten Ausstellungen in dieser Galerie und somit auch eine der ersten Ausstellungen von CFA, war eine Gruppenausstellung, in denen unter anderem Robert Lucander, Elke Krystufek, Damien Hirst, Stefan Hirsig und viele andere dabei waren... Erzählerin Nicole Hackert, Galeristin. Betreibt zusammen mit Bruno Brunnet und Philipp Haverkampf die Galerie "Contemporary Fine Arts", kurz CFA, in Berlin-Mitte 07 Nicole Hackert ...und der Daniel kam an mit einem nicht aufgezogenen Stück Leinwand, auf die was, wenn ich mich recht erinnere, Figuratives, so in Georg-Baselitz-Manier, gemalt war und das hat uns jetzt nicht so vom Hocker gerissen. Da wir aber irgendwie intuitiv dachten, der Mann ist eigentlich ziemlich gut, hat sich Bruno ein Herz gefasst und gesagt: lieber Daniel, das kannst du mit Sicherheit besser, ...Geh doch noch mal üben (lacht), so ungefähr. Und auch wenn der Daniel schon damals recht selbstbewusst war, hat er sich das offensichtlich dennoch zu Herzen genommen und dann bekamen wir ein paar Wochen später einen Anruf, jetzt wäre er also so weit, wir sollen doch mal vorbei kommen 09 Daniel Richter Ich malte in meinem Kattun-Tuch, in meinem schmuddeligen Unterhemd in meiner vollkommen überhitzten Wohnung in Altona, nee, in meinem Drecksloch in Altona, das aber nur, wenn ich das richtig erinnere, 30 Euro Miete kostete. Und in diesem Loch malte ich so fröhlich und unverdrossen vor mich hin, es war die erste große Malerschubphase meines Lebens 08 Nicole Hackert und dann sind wir nach Hamburg gefahren und trafen ihn an in einem Atelier, das passte wunderbar in so eine Spitzwegsche Arme-Poet-Atmosphäre, da regnete es nämlich tatsächlich durchs Dach und ich weiß noch, dass er so `n langes Hemd trug und das war durch ein, so eine Art Tau zusammengebunden. (lacht) Musik ab 0`50 bis ca. 1`16, unter Erzählerin weg Erzählerin Solange der Künstler noch ein armer, unbekannter Mann ist, ist die Galerie die erste Instanz des Marktes, die die Verwandlung von einem Stück Leinwand mit etwas Farbe darauf in ein kostspieliges und begehrtes Kunstwerk einleiten kann. 10a Hanno Rauterberg Die Galerie hat großen Einfluss darauf, wie Künstler wahrgenommen werden Erzählerin Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der Wochenzeitung "Die Zeit" 10 Hanno Rauterberg ..und wenn der Galerist sagt, der Galerist seines Vertrauens sagt, hier habe ich jemanden, der ist ganz neu, der kommt, den haben wir jetzt im Programm, da solltest du investieren, dann wird dieser Sammler seinem Galeristen auch trauen. Münze 12 Daniel Richter Und da tauchten dann tatsächlich Bruno Brunnet und Nicole Hackert auf, also meine Immer-noch-Galeristen und sagten, und ich weiß, dass der Brunnet, der nicht besonders groß ist, den vollkommen irren Satz an mich ransagte: das machen wir! Und ich dachte: wovon redet der. Was ist denn das für eine Ausdrucksweise. Dat machen wir! Dat zeigen wir! Und ich dachte, verblüffend! Weil ich hatte tatsächlich nie daran gedacht, dass das jemand zeigen würde. 13 Nicole Hackert Er hatte sich eben ein hohes Ziel gesetzt. Das fand ich auch so beeindruckend, weil es so absolut non-konform zu dem war, was damals angesagt war. Und das war eindeutig eher Institutionskritik, konzeptuelle Kunst, Filme, Installationen, aber erstens mal keine Malerei und zweitens Mal schon mal gar keine abstrakte Malerei. Also da hat er wirklich so dermaßen antizyklisch agiert mit der einfachen Begründung auch "also ich hab das Gefühl, die Geschichte, beziehungsweise die Sprache der nonreferentiellen, abstrakten Kunst ist noch nicht zu Ende geschrieben, und ich hab da noch was hinzuzufügen, das mach ich jetzt einfach mal". 14 Daniel Richter Am Anfang sieht das schon aus wie Asger Jorn trifft Jackson Pollock trifft, weiß ich nicht, Farbfeldmalerei. 15 Nicole Hackert Und dann zeigte er uns, ich glaube es waren an die sechs abstrakte, fantastische Bilder, woraufhin wir relativ schnell gesagt haben, ok Daniel, dann machen wir mal eine Einzelausstellung. Und es war dann auch tatsächlich so, dass aus dieser ersten Ausstellung sowohl an den einen sehr treuen Sammler, als auch an Leute, die man vorher noch gar nicht kannte, Bilder verkauft wurden. Die kosteten zwischen - in Deutschmark - 3 und 6000, vielleicht auch zwischen zwei fünf, so um den Dreh, und da sind aber durchaus ein paar Multiplikatoren innerhalb der damals noch sehr, sehr kleinen Kunstwelt auf ihn aufmerksam geworden. Das kann man wirklich nicht anders sagen. Wenn ich mich recht erinnere, war auch die Ausstellung quasi ausverkauft. Musik weiter, bis ca. 1`35, unter Erzählerin weg Erzählerin Die Ausstellung fand 1995 statt, und zu den "Multiplikatoren" gehörten etwa Hans Werner Schmidt, heutiger Direktor des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, oder die renommierte Galeristin und Sammlerin Bärbel Grässlin aus Frankfurt. 16 Daniel Richter Du kannst eine intelligente Frau, ein intelligenter Typ sein, du kannst witty, charming, du kannst sogar ein guter Künstler sein, im falschen Umfeld gehst du unter. Wenn du Glück hast, dann bist du bei einer Galerie, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und die an dich glaubt und die dich auch unterstützt. Was meine Galerie gemacht hat, die haben mich halt jahrelang bezahlt. 16a Nicole Hackert Er hat damals bei einem Mineralienhändler gearbeitet, und wir haben ihm dann gesagt, ab jetzt wollen wir dich in die Lage versetzen, dass du eben nicht mehr arbeiten musst, also dich voll und ganz deiner Kunst widmen kannst. Und wenn wir dann irgendwann mal was verkaufen, dann verrechnen wir das. 16b Daniel Richter Und das war gewissermaßen, gut, das war unterm Strich für die ein gutes Geschäft, Aber das war nicht absehbar. Und das haben die halt mit ein paar Leuten gemacht. Und das hat sonst niemand gemacht. Das machen Leute sonst nicht. 18 Nicole Hackert Da gehört ein bisschen Feingefühl dazu und das geht auch nicht mit jedem Künstler, das hat viel mit Chemie zu tun. Münze Erzählerin Wenn die Chemie stimmt, dann ist zumindest der Grundstein für eine Zusammenarbeit gelegt. Längerfristig bedarf es aber mehr, als nur der richtigen Chemie. Denn zu einer erfolgreichen Galerie gehören vor allem auch erfolgreiche Künstler - die bleiben. 19 Nicole Hackert Diese klassische Künstlerbetreuung wird bei uns einfach geleistet. Wir haben ja mittlerweile auch Künstler, die andere Galerien verlassen und die hier hin kommen, genau aufgrund der Tatsache, dass diese anderen Galerien zwar fürchterlich viel Geld mit ihnen gemacht haben, aber so was zum Beispiel nie gemacht haben. Die haben die Sachen nicht fotografiert, sie haben sie auch nicht gerahmt, sie haben sie auch nicht inventarisiert, das ist nicht selbstverständlich. Es ist auch sauviel Arbeit ... Ich wollte jetzt nicht damit behaupten, dass die Tatsache, dass wir das alles gemacht haben, dass das die Karriere von Daniel Richter angetrieben hat. Zumindest hat es für eine Sache gesorgt, nämlich dafür, dass uns der Daniel Richter nicht verlassen hat. Musik weiter, 10", bis ca. 1`45 21 Uwe Schneede Er war vor allem mit den vorauf gegangenen abstrakten Bildern, also aus der zweiten Hälfte der 90er Jahre, doch schon einigermaßen bekannt und er hat ja auch, ich mein, bei Bruno Brunnet in dieser Galerie in Berlin, seit 1995 fast jährlich Ausstellungen gehabt und man konnte sein Werk ja auch in privaten Sammlungen, auch in Hamburg kennen lernen, immer wieder sind einem Werke begegnet. Erzählerin Uwe Schneede, Direktor der Hamburger Kunsthalle bis 2006. In seiner Amtszeit wurde ein neues Gebäude für die Kunst ab 1960 gebaut: die Galerie der Gegenwart. 22 Uwe Schneede Mir ging es nur so, dass mich diese frühen abstrakten Werke nicht angemacht haben. Die haben mich nicht so interessiert. Sie haben zwar gerade auch im Nachhinein eine beträchtliche Stärke, ganz bestimmt, aber es war nicht so, dass ich gemeint hätte, man müsse daraus nun unbedingt eine große Ausstellung in der Galerie der Gegenwart machen. Dieser Schub kam eigentlich erst mit diesen neuen, unglaublichen Figurenbildern, die so ab Anfang 2000, also in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, entstanden sind. 23 Nicole Hackert Es ist vulgärer, als man glaubt, auch diese unsere Szene, als dann die Leute anfingen, auf den Bildern was zu erkennen, nämlich, als der Daniel Richter sich entschieden hat, figurativ zu malen, da war er auf einmal in aller Munde. Münze. Kurz, heftig. Erzählerin Der Sammler ist die zweite Instanz im Wertschöpfungsprozess. Er muss Hand an das Kunstwerk legen, es begehren, damit es zu Gold wird. Der Mann - oder die Frau - mit Geld. 24 Harald Falckenberg Ja, das war also 98, schätze ich mal, und Richter malte seinerzeit aber noch abstrakt und konnte ich nicht so richtig was mit anfangen. Erzählerin Harald Falckenberg, Kunstsammler, Hamburg 24 f Harald Falckenberg Er ist ja Schüler von Albert Oehlen, von Albert Oehlen hatte ich schon eine ganze Reihe von Arbeiten und so hab ich ihn immer weiter verfolgt, zumal wir hier in Hamburg auch einen engen Kontakt haben unter den Leuten die sich mit Kunst beschäftigen. Ich traf ihn also häufig, weil er mit Jonathan Meese auch befreundet ist, und von Jonathan hab ich nun sehr viele Arbeiten, von Anfang an praktisch. Ja, und so kam dann eine gute Bekanntschaft zustande und als er dann zu figurativer Malerei wechselte, hab ich auch einige der ersten, ich glaub, ich hab sogar das erste figurative Bild erworben. 25 Nicole Hackert Und das hat einfach schon mal irre viel Terrain wett gemacht, dass der sich dafür entschieden hat, das zu kaufen. Und das auch zu verbreiten, lautstark, und auch zu zeigen. Das war schon ganz toll und auch ein Kontext, in dem der Daniel bis dahin nicht auftauchte. 26 Hanno Rauterberg Dass wir als Medienleute auch auf die großen Sammler kucken, hängt damit zusammen, dass sie einen viel stärkeren Einfluss haben auf das, was heute in der Kunst als wertvoll gilt. Sie haben eben die entsprechenden Räumlichkeiten, beispielsweise wie Harald Falckenberg, der jetzt 6000 qm aufbieten kann, oder gründen sich andere kleinere oder größere Ausstellungshallen und können dort darbieten, was ihren Geschmack ausmacht. Und damit natürlich auch den Geschmack der Öffentlichkeit beeinflussen, auch den Geschmack der Kritiker vielleicht beeinflussen, aber überhaupt für ihre Künstler eine Öffentlichkeit organisieren. Und deswegen sind sie eben durchaus einflussreich, nicht nur weil sie Geld haben, sondern auch weil sie eben über diese Möglichkeiten der Publizität verfügen. 27 Harald Falckenberg Es sind ja letzten Endes Mehrheitsentscheidungen. Wenn ich mich ganz alleine für Daniel Richter entscheide, dann würde er nicht da sein, wo er heute ist. Also ich muss ja dann auch Leute beeinflussen, und die beeinflussen auch wieder mich. Jeder wirft mal seinen Hut in den Ring und beobachtet, wie viele Hüte noch in den Ring fliegen, oder ob die ganz schnell klammheimlich wieder rausgezogen werden, weil kein anderer folgt. Dann sagt man sich, jetzt hab ich den Mut, die werden das schon einsehen, in 5 Jahren oder so werden die begreifen, was für ein großartiger Künstler der ist. Musik Erzählerin Zu den Sammlern, die Daniel Richters Werk nach dessen Hinwendung zur figurativen Malerei für sich entdeckten, gehören ebenfalls Michael und Susan Hort oder David Teiger aus New York, sowie Charles Saatchi aus London. Mittlerweile finden sich Richters Werke auch in den Sammlungen Boros, Sander oder Essl, und der Galerist David Zwirner vertritt Daniel Richter seit 2004 in den USA. Kürzlich ist an der Westküste, in Los Angeles, noch Shaun Regen dazu gekommen. Lagen die Preise für die ersten großen figurativen Bilder im Jahr 2000 noch um die 25.000 Euro, haben sie sich bis heute nahezu verzehnfacht. 28 Harald Falckenberg Aber wir wollen hier keine Legenden bilden, ich hatte ja 1850 Arbeiten oder irgend so was, und davon machen 300 Arbeiten 70 Prozent des Wertes aus. Dann können Sie schon mal sehen, wie häufig ich daneben gelegen habe. Das nehm ich aber auch in Kauf, das ist ganz natürlich so. Musik, ab 2` 10 bis ca 2`40, unter Erzählerin weg Erzählerin Besonderen Stellenwert nimmt die Berührung des Kunstwerkes durch die Institutionen ein. Denn immer noch sind es die Museumsdirektoren, die Kunstvereine und schließlich auch die Kunstkritiker, die mit ihrem Urteil entscheiden, was große Kunst ist - nicht nur für einen Sommer, sondern dauerhaft. Die Hand des Sammlers mag das Kunstwerk materiell vergolden. In seinem ideellen Wert aber wird es veredelt durch den Platz in einem renommierten Museum - durch die Anbindung an Tradition und Kunstgeschichte. 29 Uwe Schneede Das, was da zur Entscheidung führt, diesen Künstler wollen wir ausstellen oder dieses Werk wollen wir erwerben, das ist eigentlich ein Empfinden, das zwar intellektuell begründbar sein mag, aber doch eigentlich auch sehr viel mit dem Bauch zu tun hat und basiert vor allen Dingen auf der Erfahrung im Umgang mit Bildern, mit Kunstwerken. Dass man permanent den Umgang mit Kunstwerken hat, und denen immer wieder begegnet, dann müssen sie sich halten. Dann müssen sie einem immer noch wieder was Neues nicht nur erzählen, sondern auch versprechen. Erzählerin Seine erste große Museumsausstellung hatte Daniel Richter 2001 in der Kunsthalle Kiel, die nächste 2002 in Düsseldorf. In den folgenden Jahren hingen seine Bilder im Zuge großer Einzelschauen etwa in der National Gallery of Canada in Ottawa oder im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Und 2007 schließlich auch in seiner Wahlheimat Hamburg, in der Galerie der Gegenwart. 30 Hanno Rauterberg Also eine Museumsausstellung ist natürlich nie abträglich für den Ruhm und den Wert eines Künstlers, allerdings gibt es Künstler, die sind ohnehin schon so hoch gehandelt und so bedeutsam, dass man ihre Bedeutung kaum noch durch so eine Museumsausstellung steigern kann. Anders ist es bei relativ unbekannten, kleineren Künstlern, die vielleicht auch gerade noch am Anfang ihrer Karriere stehen, da hilft es natürlich sehr, wenn man auf den Zettel in der Galerie schreiben kann: hatte eine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg, beispielsweise. 31 Uwe Schneede Also was mich an Daniel Richter von vorne herein fasziniert hat und was sich für mich auch in dieser Retrospektive in der Galerie der Gegenwart bestätigt hat, ist, dass der Daniel Richter über eine ganz ungewöhnliche Aggressivität im Umgang mit zeitgenössischen Themen verfügt, gerade auch wenn man an den Großteil der zeitgenössischen jungen Maler der Deutschen denkt, die ja häufig so was cooles, so eine vorgetäuschte Souveränität haben, und die Bilder von Daniel Richter haben eigentlich immer so eine gewisse Hitze, haben etwas Beunruhigendes und zeugen aber auch davon, dass Daniel Richter eigentlich keine Lösungen hat, sondern immer auf der Suche nach Lösungen ist. Das finde ich aufregend. A1 oder A3/4, Kunsthalle, darauf 32 Besucher Ausstellung Er: Ja, eine Kampfszene auf der Straße und ja, es sieht aus, als wenn die Leute brennen. Und es sieht sehr psychedelisch aus. Sie: sehr explosiv. Als ich oben in die Ausstellung kam, dachte ich, also, ist ja eine Explosion von Farben Sie: grell, also teilweise grell und dann wieder duster. Stark, äh, kontrastreich. Er: die Blauen gegen die Roten, früher hat die Bundeswehr immer solche Manöver durchgeführt... Sie: Mir ist das alles zu krass und zu brutal, ich mag das nicht solche Malerei. Sie: Ich freu mich über die Farbigkeit,(...) ich freu mich über die Größe. Sie: Wenn so was Eindeutiges an Kraft dahinter ist, wie hier, also, das muss man schon akzeptieren. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand gar nicht davon angegriffen wird, egal wie. 33 Daniel Koep Also, bei Daniel Richter hat man schon so etwas, was in die Art des Hyperaktiven geht: gedanklich, wenn er spricht, aber auch malerisch. Überall muss immer sofort in jedem Moment etwas passieren, das ist ein bisschen wie ein Bild auch auf speed. Atmo übergehend in Musik, ca 2`42 bis `3`02 unter Erzählerin Erzählerin Ob das Ausstellen eines Kunstwerkes in einem Museum immer eine Wertsteigerung bedeutet, ist nicht sicher. Für Daniel Richter kann festgehalten werden, dass die Galeriepreise zwischen 2001 und 2007 kräftig gestiegen sind, nämlich auf Spitzenpreise von 250 000 Euro. 2006 erwarb auch das Centre Pompidou ein Werk von ihm. Für den Markt ist ein Museumsankauf keine so erfreuliche Nachricht. Einmal im Besitz eines Museums, ist das Kunstwerk privaten Kauf-Interessen entzogen. Allerdings machen die hohen Preise den Museen Ankäufe zunehmend unmöglich - oft genug tendiert deren Ankaufsetat in Deutschland gegen Null. Ohne die finanzielle Unterstützung einzelner Sammler, Unternehmen oder Freundeskreise ist der Erwerb von Kunstwerken für ein Museum in vielen Fällen gar nicht mehr denkbar. Nachhall Münze 34 Daniel Richter Das klingt jetzt anmaßend, aber es hat wirklich nicht sehr, sehr viele interessante Malerei in den 90ern gegeben. Und dann, nehmen wir mal an, du bist jemand, der sagt, ok, ich bin an abstrakter Malerei interessiert, an der Fortführung dieser Idee der Moderne, dann findest du wirklich nicht mehr als 10 Künstler weltweit, von denen du sagen würdest, die sind sammelnswert. Und von den 10 sind vielleicht 5, haben viel produziert, also ist es häufige Ware, und 5 haben nicht so viel produziert, zu denen würde ich dann gehören. Und wenn jetzt jemand sagt, keine Ahnung, ich brauch aber ein Bild aus der und der Phase und es kommen aber ganz selten welche auf den Markt, dann wird das auch teuer werden. Und das war halt auch immer alles so ganz nachvollziehbar. Absurd wurde das wirklich erst, nicht absurd, aber so überraschend für einen selbst, wird es eben durch diesen Auktionsmarkt. Weil es eine Logik nach sich zieht, und eine Akkumulation, und ein Tempo von Kapital und Sehnsucht des Kapitals nach Anlage, die für einen ganz schwer einzuschätzen ist. 36 Bastienne Theune Wir bekommen sehr wenige angeboten, es ist wirklich schwer, die richtig guten, vor allem natürlich figurativen Arbeiten von ihm zu bekommen. Erzählerin Bastienne Theune, Expertin für zeitgenössische Kunst beim Auktionshaus Sotheby`s in London. 37 Bastienne Theune Das war das erste Mal 2003, dass eine wirklich gute Arbeit auf den Markt kam, ich glaub die war 40-60.000 Dollar angesetzt und hat sich für 240.000 in der Art verkauft, es war jetzt ein gutes, ein sehr gutes Ergebnis für Daniel Richter. Münzklang Erzählerin Die Auktionshäuser sind das, was man den zweiten Markt, den secondary market, nennt. Hier landen die Kunstwerke, die in der Regel in der Galerie, dem ersten Markt, bereits einen Käufer gefunden hatten und nun im Auktionshaus ein zweites Mal zum Verkauf angeboten werden. Legen die Auktionatoren Hand an ein Kunstwerk, können sie dessen Wertsteigerung rasant beschleunigen. 38 Daniel Richter Richtig öffentlichkeitswirksam ist das geworden durch die Auktionierung eines Bildes, dessen Preis von heute aus auch schon wieder niedrig erscheint, aber damals für einen deutschen lebenden Künstler wahnsinnig hoch war. 35 Bastienne Theune Es gibt viele Sammler, die wirklich eine Arbeit von Daniel Richter suchen. 39 Theune also zwischen 99 und 2003 war eigentlich gar nichts auf dem Markt, und dann war das sozusagen die erste große wichtige Arbeit, die halt angeboten wurde und da war eigentlich schon klar, als man die im Katalog gesehen hat, die wird einen großen Preis machen, das war schon abzusehen. 40 Nicole Hackert Das wurde eigentlich auch Zeit, interessanterweise, fand ich, weil da gab `s eben andere Künstler, wo ich das Gefühl hatte, also die sind entweder längst nicht so gut, oder allemal so gut, wie der Daniel. Die wurden schon viel höher gehandelt. Und es war ein Sammler, in dem Fall war es der Saatchi, der es damals ersteigert hat, der auch einfach das Geld hatte. Das ist natürlich wunderbar, weil das natürlich eine extreme Signalwirkung hat. 41 Nicole Hackert Also, unsere Arbeit hat sich in den letzten Jahren, insofern verändert, als das so was wie ein Kunstmarkt erstens immer stärker geworden ist, und logischerweise dabei insbesondere die Auktionen, die eine irre Rolle spielen. das heißt sobald die Künstler einigermaßen erfolgreich sind, muss ich auch den secondary market mit verfolgen, das heißt, Leute trennen sich von den Bildern, entweder weil sie in Scheidung leben, oder weil sie eben Geld verdienen wollen. Und das heißt, auch so was müssen wir mindestens beobachten und versuchen zu kontrollieren und bestimmte Leute auch aufmerksam machen. Musik Erzählerin Dass Auktionshäuser auch zeitgenössische Kunst versteigern, ist keine Selbstverständlichkeit. Bis in die 70er Jahre hinein war dies das alleinige Terrain der Galeristen. Und seit etwa 10 Jahren haben sich die Auktionshäuser zu einer massiven Konkurrenz für die Galerien im Bereich der Gegenwartskunst entwickelt. Heute landen sogar Arbeiten auf dem Auktionstisch, die gerade 2 Jahre alt sind. Vorteil dieser Entwicklung - auch für die Galerien - ist eine große Publizität für den Künstler. Denn die Auktionshäuser haben Interesse daran, ihre Ergebnisse bekannt zu machen - und tun das auch lautstark, die Medien sind voll davon. Außerdem werden auf einer Auktion Preise für zeitgenössische Kunst möglich, die anders kaum denkbar wären. 42 Bastienne Theune Die Preise der Galerien sind nicht öffentlich, und ein Auktionshaus ist sozusagen, dadurch dass wir so transparent sind und öffentlich, sind wir im Kunstmarkt sozusagen Preisbarometer. .. Die Ergebnisse, die wir erzielt haben, geben natürlich Tendenzen ab, ob bestimmte Künstler im Preis steigen. 43 Hanno Rauterberg Also das Auktionshaus kann auch relativ unbekannte Namen plötzlich bekannt machen. Und das hat natürlich auch wiederum Rückwirkung auf die Galeriepreise.. Münze Erzählerin Das bislang beste Auktionsergebnis für ein Werk von Daniel Richter wurde 2007 bei Sotheby `s in New York erzielt. Das Bild mit dem Titel "Those who are here again" aus dem Jahr 2002 wurde für 824.000 Dollar versteigert, der Schätzpreis lag etwa bei der Hälfte. Wie kommt ein solches Resultat zustande? 44 Bastienne Theune Wir bieten halt unglaublich viel Expertise, unser Team besteht seit langem in der gleichen Konstellation, wir sind alle aufeinander eingespielt, wir arbeiten weltweit zusammen. Wir haben so eine ganze Vermarktungsstrategie dann, die sich aus verschiedenen Komponenten zusammen setzt um halt wirklich auch Spitzenarbeiten spitzenmäßig zu vermarkten. Und dann durch vergangene Verkäufe kennen wir die natürlich sehr, sehr gut die Interessenten, wir wissen, wer was sucht, wir können gezielt ansprechen, gezielt die Arbeiten platzieren. Das sind natürlich alles Vorteile, die ein großes Auktionshaus sozusagen bieten kann. Erzählerin Die Voraussetzungen, um an der Stellschraube der Preise zu drehen, werden in friedlichen Büros geschaffen, in aller Stille. Das Schlachtfeld aber, auf dem am Ende vielleicht ein Spitzenergebnis erkämpft wird, ist der Auktionssaal. Und ein Lockmittel hinein ins echte Bietgefecht ist der Schätzpreis. 45 Bastienne Theune Es geht um eine reale Einschätzung, darum, dass man auch versucht, die Schätzpreise so moderat oder attraktiv zu halten, dass sie zwar die Qualität der Arbeit widerspiegelt, aber halt auch trotzdem noch möglichst viele Bieter ins Spiel bringt, dass dann wirklich auch mehrere Bieter wirklich gegeneinander bieten, das ist wichtig. Die Stimmung, also; das ist (auch) immer wichtig, wie der Anfang der Auktion losgeht, deswegen suchen wir auch immer am Anfang Arbeiten zu platzieren, wo wir wissen, dass die sich wirklich gut verkaufen werden. Wenn es gleich am Anfang ein unverkauftes Los gibt, das ist immer schlecht für eine Auktion. Also man muss schon eine Auktion inszenieren so `n bisschen, die Kunden müssen mitgerissen werden. Und da kann das halt schon sein, dass Kunden höher gehen, als sie eigentlich wollten, weil einfach so die ganze Stimmung da ist. 46 Nicole Hackert Es stimmt sicherlich bedingt, dass Spitzenwerke auch Spitzenpreise evozieren, aber manchmal ist es auch wirklich ... Da floppen mal, weil bestimmte Kriterien an dem Tag nicht stimmten, weil bestimmte Leute nicht im Auktionssaal saßen, weil die Oma gestorben ist, oder keine Ahnung, gerade nicht flüssig waren, oder das Bild nicht gut präsentiert war in der Auktion oder aber die Provenienz vom Vorbesitzer nicht so astrein war, alles Sachen, die mit der Qualität des Bildes überhaupt nichts zu tun haben, haben ja einen Einfluss auf ein Auktionsergebnis. Und wenn so ´n Auktionsergebnis schlecht ausfällt, ist das durchaus schlecht für die Reputation eines Künstlers und seines Marktes. Münze kurz 50 Bastienne Theune Wir versuchen natürlich für unsere Einlieferer die höchstmöglichen Preise zu erzielen, das ist ja letztendlich auch unser Job. (37) Wir wollen natürlich das beste Ergebnis erzielen, weil wir dann am meisten verdienen. Natürlich ist das in unserem Interesse. Es gibt eigentlich kaum einen demokratischeren Verkaufsort, weil ja wirklich auf Auktionen der Preis wirklich erreicht wird, der von Angebot und Nachfrage sozusagen eingependelt ist. Und das ist (...) in einer Galerie natürlich nicht so möglich. Da können sich nicht zwei um ein Bild sozusagen streiten und am Ende bekommt einfach der das, der am meisten zahlt. Deswegen ist wirklich (...) eine Auktion halt so transparent und demokratisch, weil eigentlich jeder zum Zuge kommen kann. 50b Hanno Rauterberg Also, dass die Auktionshäuser jetzt quasi ein neutraler Verhandlungsort wären, das glaube ich nicht, schon deshalb nicht, weil bestimmte Preise ja Garantiepreise sind. Das heißt, das Auktionshaus sichert dem Sammler zu, wenn du mir dein Kunstwerk gibst und nicht dem Konkurrenten gibst, sondern mir gibst, dann garantiere ich dir 25 Mio Euro beispielsweise für das Werk. Und falls das Werk durchfällt, oder falls der Preis am Ende niedriger ist, dann geh ich als Auktionshaus das Risiko ein, (...) die Summe zahlen zu müssen, obwohl ich sie gar nicht erzielt habe. Das heißt, der sog. reale Marktwert eines Kunstwerks ist in dem Fall gar nicht real, sondern ist dann eher eine Art planwirtschaftliche Institution. 51 Nicole Hackert Also die jetzt in Grund und Boden zu verdammen, wäre naiv, denn in der Tat haben sie auch durch das, was sie in den letzten Jahren an Ergebnissen erzielt haben, (....) Käuferschichten erreicht, an die man vielleicht als Galerie so nicht rangekommen wär und uns auch dadurch, das muss man fairerweise sagen, diese Leute in die Galerie gebracht und damit auch für unseren Umsatz mit gesorgt. 45f/Theune Und dadurch, dass die Preise jetzt so hoch sind, bekommen wir natürlich auch eine extrem hohe Qualität angeboten und mit dieser extrem hohen Qualität kommen auch neue Bieter ins Spiel, neue Kunden, die vielleicht vorher nicht so in Auktionshäusern gekauft haben. Und diese Arbeiten, die wirklich einfach herausstechen aus dem Oevre bestimmter Künstler, die sind sozusagen fast preislos. 51f Aber was eben das Problem dabei ist, ist dieser Kontrollverlust. Mir wird`s eben immer mulmig dabei, wenn ich das auch sozusagen nicht selber vermitteln kann, wenn sich etwas sozusagen nur noch über den Markt definiert und nicht mehr über das, was vielleicht irgendwann mal die Künstlerin oder den Künstler angetrieben hat, ein Werk zu machen. Und die Auktionshäuser sind eben anders als Galerien den Künstlern nicht längerfristig verpflichtet, die versuchen kurzfristig viel Umsatz zu machen... Musik ab 6`45, max 10" frei, dann unter 52 weg 52 Daniel Richter Der Mann von außen, der common man, hört das und denkt, das ist ja irre, jetzt hat der 5 so Auktionsrekorde, der Typ muss ja im Geld schwimmen mit den Bildern. Die Wahrheit ist, von Auktionen hast du nichts, das heißt wenn ich ein Bild für 2000 Euro verkaufe und jemand anderes verkauft es auf `ner Auktion für 800.000 dann hab ich immer noch 2000 Euro verdient, mehr nicht. Alles andere streicht der Mann ein und das ist aber für Leute dann schon sehr schwer auszudifferenzieren. Du hast nichts davon, außer das Gelaber darüber, dass du wieder einen schönen Erfolg eingefahren hast, was natürlich gar nicht stimmt. Das einzige, was du hast, ist dass auf einmal Leute an dir Interesse haben, die nur an dem Geld und an den Investitionen Interesse haben, was nicht angenehm ist. 52 Nicole Hackert Die tauchten auf, in der Tat. Das sind dann Leute, die rufen an und sagen, I love his work, I always did, so wonderful and I really want to have one, I´m sure, you have a waiting list, but anyhow, und so weiter, klar, die tauchen alle auf. Aber deshalb verkaufe ich noch lange nicht unbedingt an die. A7 kurz frei , unter 54 stehenlassen 54 Harald Falckenberg Die Kunst war eine elitäre Angelegenheit. Feine Zirkel haben sich damit beschäftigt, sich viel Zeit genommen, Künstler haben dann für einzelne Gönner und Mäzene gemalt und plötzlich sind sie in eine Gesellschaft geraten, wo jeder Kunst haben will. Es ist zu etwas Populärem geworden, und jetzt gibt es plötzlich eine Masse von Menschen, besonders jetzt noch Chinesen und Russen und reiche Südamerikaner, die Kunst haben wollen, aber die Künstler kommen nicht nach mit der Produktion. A7 hoch bei 1`23 (Telefon, daran Chinesisch aus A10) weg Erzählerin Insbesondere nach der Jahrtausendwende sind etwa Hedge-Fonds-Manager und Investment Banker durch Börsengeschäfte in wenigen Jahren zu unglaublich viel Geld gekommen. Gleichzeitig fließen in den Kunstmarkt neue Geldströme aus den Golfstaaten oder Russland, also Ländern mit kostbaren Rohstoffen wie Öl oder Gas. Die Stadt mit den meisten Milliardären ist neuerdings Moskau mit 87 Schwerreichen, New York liegt abgeschlagen auf Platz zwei. 55 Hanno Rauterberg Und dieser Reichtum will dann auch angelegt sein, und ein ganz bewährtes Mittel, um plötzlich Anerkennung zu bekommen, ist eine Sammlung anzulegen und diese Sammlung auch prominent auszustellen. Das hat glaube ich viel mit Repräsentationsbedürfnissen zu tun, dass Leute sagen, gut, ich habe mir etwas gekauft, was eigentlich nichts wert ist, bin aber trotzdem bereit, dafür irrsinnige Summen auszugeben, teilweise so viel Geld auszugeben, wie ein Entwicklungsland im Jahr zur Verfügung hat. Also einen völlig unangemessenen Preis zu bezahlen und demonstriere dadurch natürlich auch meine Überlegenheit und meinen Reichtum letztlich. Und die Kunst hat den Vorteil, dass sie dann vielleicht noch teurer wird über die Zeit und eben auch nicht nur schön, sondern auch n tolles Anlageobjekt ist. 54 Falckenberg Und so ist ganz einfach, dass die Preise wegen dieses Ungleichgewichts von Angebot und Nachfrage in die Höhe getrieben werden. Das ist `ne ganz einfache volkswirtschaftliche Erklärung dafür, wenn statt drei Käufer plötzlich 1000 Käufer da sind, und die schlagen sich um etwa dieselbe Menge Kunst, dann ist es so. 56 Bastienne Theune Die meisten Käufer kaufen das für sich selber, viele unserer Kunden haben kleine Privatmuseen, wo sie wirklich die nötige Ausstellungsfläche haben und um die Arbeiten auch sehr, sehr schön und angemessen präsentieren zu können. Natürlich gibt es immer Käufer, die aus spekulativen Gründen ihre Kunst erwerben, das gab es damals schon, das gibt `s auch heute und das wird `s auch immer geben. (Münze kurz) 57 Harald Falckenberg Also ich würde von vorne herein Spekulanten nicht unbedingt als negativ betrachten. Solange etwas offen ist, offen gesagt wird und offen gemacht wird, ist das in Ordnung. Ich finde nicht, dass Kunst so eine Lebensfrage ist, dass das so überbewertet wird. Die Frage wird ja meistens von Leuten gestellt, die im Grunde in der Kunst etwas Bedeutendes, etwas Heiliges sehen, ja. Aber die haben irgendwo das letzte Jahrhundert verschlafen, diese Leute, die so über Kunst denken. Kunst wird zunehmend seit der Popart entscheidend auf das niedrigste aller Niveaus heruntergerissen und direkt in das Leben gestellt, und im Leben gibt `s eben auch Spekulanten, ja. Heute ist Kunst Lifestyle, ja. Dazu hat die Popart entscheidend beigetragen und jetzt muss man sich nicht wundern, wenn es nun gehobener Lifestyle ist, nicht. Es gibt, glaube ich, auch Handtaschen, die 5000 Euro kosten oder so. Ich hab nicht viel Erfahrun damit, aber ich kann `s mir gut vorstellen. A6 ab ca 4`10 , darauf Erzählerin Die Messe ist schließlich der große Marktplatz, wo die Kunstwelt zusammen kommt. (aus A6 Kameraklicken, bei ca. 4`48) Die Art Basel fand erstmals 1970 statt und gilt noch immer als die wichtigste Messe für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts weltweit. Alles ist vom Feinsten: die Qualität der Kunstwerke, die Fachleute, die Organisation, die Aussteller: 300 handverlesene Galerien aus 33 Ländern boten auf der 39. Art Basel Anfang Juni Werke von rund 2000 Künstlern an. 60.000 Besucher sorgten in fünf Tagen für einen Umsatz von mehreren 100 Millionen Dollar. A6 evtl. unter O 57a liegen lassen 57a Besucher Es ist immer überwältigend. Ich glaube, man sieht nirgendwo so viele verschiedene Arten Kunst, Kunstrichtungen, Kunststilen wie hier. - Well of course to see the best art fair in the world, the most contemporary. (And are you going to buy art here as well? Well, maybe, I don´t know. But I also deal with art. -) Just to look around, I have an appointment with a turkish gallery. - I am an artist, sculpture, and I just go to see art. A lot of art. Haha. 58Hackert Von allem das Beste. (lacht) Also, natürlich versucht man immer einigermaßen paritätisch zumindest die Künstler, die man exklusiv vertritt, auch mit zu nehmen, versucht sie auch anzuhalten, neue Arbeiten zu machen, aber es gibt auch bestimmte Arbeiten, die vielleicht schon ein paar Monate alt sind, die man einfach wegstellt, weil man weiß, in Basel muss man brillieren und dafür wird das einfach aufgehoben. Erzählerin Daniel Richters Galeristin hatte von ihm etwa 20 kleine Tusche-Zeichnungen zu Preisen zwischen 7000 und 10.000 Euro in Basel dabei. Am Ende des ersten Tages waren alle verkauft. A12 , kurz hoch (sehr schön-italienisch - bei 1`17) - 60 (evtl. auf A12) Autorin: Und warum kaufen Sie Kunst? Why? Good question. Maybe it helps me to improve my life, I don´t know. Also, statt einer Altersvorsorge. Ist eine gewisse Sammelleidenschaft und weil ich auch ganz gerne was um mich herum hab. Nicht aus materiellen Gründen. Oder aus Anlage, sondern nur Spaß. Spaß an verspielten Objekten. I don `t know, I don `t see any price. It `s not my problem. Haha. 62 Hanno Rauterberg Die Galerien machen immer größere Anteile ihres Geschäftes auf den Messen und das hat schon damit zu tun, dass der Markt insgesamt sehr viel größer geworden ist, die Zahl der Galerien ist sehr viel größer geworden, auch für den einzelnen Sammler ist es viel schwieriger, als noch vor 10 Jahren, den Überblick zu behalten und für ihn ist es natürlich praktisch, dass alle wichtigen Galeristen, denen er vertraut, dort auch in der Regel zusammen kommen und er nicht alle einzeln abklappern muss. Es gilt immer mehr das Prinzip des Events und der großen Show (...) und da kann die Messe dann schon mithalten, weil die Messe ist ja ein einziger großer Event. Erzählerin Auch diesmal wurde im Vorfeld der Messe darüber spekuliert, wann denn nun die Blase platze, ob die Finanzmarktkrise auch auf dem Kunstmarkt ankomme. Doch auch die 39. Art Basel wird von den Veranstaltern als "sehr guter Jahrgang" gewertet. 61 Hackert, Messe Bombastisch. (lacht) Also von Einbruch keine Spur. Nicht mal tendenziell. Nee, wirklich absolut großartig. Ist wunderbar gelaufen, auch schwierige Arbeiten, also auch Sachen, wo, die sich jetzt nicht unbedingt jeder ins Wohnzimmer stellen kann. Man kann vielleicht feststellen, dass ein bisschen weniger Amerikaner kommen, das ist verständlich, weil bei dem Dollarstand ist das für die natürlich in der Tat wahnsinnig teuer, hier einzukaufen. Aber unsere Stammkunden, unsere amerikanischen, waren dann letztendlich doch alle hier und haben auch Geld ausgegeben. (viele Münzen, Kassette) Ja, der Brad Pitt war auch hier, hab ihm auch die Hand geschüttelt, sehr sympatisch, Abramovitsch war leider nicht hier, das war dem glaube ich zu billig, der legt erst ab mehreren Millionen los. (lacht) (Wofür hat sich Herr Pitt denn interessiert?) Für Daniel Richter und Tal R (lacht) und er wollte gerne beim Daniel Richter mal ins Atelier kommen in Berlin. Wir haben gesagt, das werden wir wohl hinkriegen. Musik ab 7`40, unter Erzählerin Erzählerin Am Ende, wenn alle Instanzen des Marktes das Kunstwerk berührt und vergoldet haben, ist der einstmals arme, unbekannte Künstler ein Gold-Macher geworden, ein Midas. Ein paar Striche von ihm auf billigem Papier erzeugen Andacht und lassen sich leicht zu ein paar Tausend Euro machen. 64 Daniel Richter Absurderweise der Künstler, der ja eigentlich der Bohemien ist, das heißt also der neben dem allem stehen soll, wenn er dann das Pech oder das Glück, vielleicht eigentlich eher das Glück hat, viel Geld damit zu verdienen, ist auf einmal genau in dieser Position. Da wird aus dem Gegenentwurf zur bürgerlichen Welt auf einmal gewissermaßen der kapitalistische Bürger. Er verwandelt Scheiße in Gold und dieses Gold, das soll sich vermehren und vermehren und vermehren und alle erwarten auch von ihm, dass dieses Gold auf einmal sein Leben und alles umdefiniert. Eine klassische Frage, die zum Beispiel an mich immer von vermeintlich progressiven Journalisten herankommt, ist: ja, hat der Markt dich korrupt gemacht. Wie hat dich das...was für eine absurde Idee. Das beeinflusst mich überhaupt nicht beim Arbeiten, das ist mir vollkommen egal. Erzählerin Zum Glück. Denn König Midas` Fähigkeit, durch pure Berührung alles in Gold zu verwandeln, erscheint in der Geschichte zwar als Segen; sie ist aber, wie der König schnell entdeckt, vor allem ein Fluch: er droht nämlich zu verhungern. Gold kann er nicht essen. Musik Titel auf Ende fahren Absage Der Midas-Effekt. Wie Kunst zu Geld wird Sie hörten ein Feature von Katrin Albinus Es sprach Claudia Mischke Ton und Technik: Ernst Hartmann und Beate Braun Redaktion/Regie: Ulrike Bajohr Eine Produktion des Deutschlandfunks 2008 mit dem Saarländischen Rundfunk und dem Norddeutschen Rundfunk 20