KULTUR UND GESELLSCHAFT Reihe: Literatur Titel der Sendung: "Ein Yankee aus Connecticut" Der moralische Humorist Mark Twain AutorIn :Paul Stänner Redakteurin : Dorothea Westphal Sendetermin : 18.04.2010 Regie : Roswitha Graf Besetzung : Autor (Kommentar, Autor spricht selbst), Zitator (Mark Twain), Sprecherin 1 (Informationstexte), Sprecher (Overvoice), Sprecherin 2 (Overvoice) O-Töne und Atmos im V-Speicher Musik Urheberrechtlicher Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. 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Sicherlich nicht jener Samuel Langhorne Clemens, der sich Mark Twain nannte und einen Roman schrieb über einen Yankee aus Connecticut, der eine Reise durch die Jahrhunderte antreten musste. Regie Musik unterlegen: Camptown Races - Soundtrack 'Primary Colors' Twain Das geschah, als ich mit einem Kerl, den wir Herkules nannten, mittels Brechstangen ein Missverständnis austrug. Er legte mich mit einem gewaltigen Hieb gegen den Kopf um - dann versank die Welt im Dunkeln. Autor Mit gutem Griff hatte sich Mark Twain einen pragmatischen, keinerlei romantischer oder versponnener Ideen verdächtigen, durch und durch soliden Yankee ausgesucht, um ihn an König Artus Hof zu versetzen. Dort wacht er wieder auf, Hank Morgan, der Werksmeister aus Samuel Colts Waffenfabrik in Hartford, Connecticut. Um dem Mittelalter die Neuzeit beizubringen. 1. Oton Nichols Sprecher "Geisterjäger" - das ist ein Programm auf Sci-Fi-Networks - waren im letzten September hier, um das Mark Twain House nach Geistern zu durchsuchen. Viele unserer Besucher behaupten - weil dies ein historisches Haus ist aus den 1870ern -, dass sie die Anwesenheit von etwas spüren; selbst einige von unseren Mitarbeitern hatten dieses Gefühl, also haben wir sie reingelassen. Das Gute daran: Wir konnten die Geschichte des Mark Twain House und seiner Familie erzählen. Dann haben sie in der Nacht ihre Untersuchungen gemacht und sie haben ein paar Gespenstergeschichten entlarvt, aber es gab auch ein paar Dinge, die sie nicht klären konnten. Aber am Tag nach der Sendung hatten wir auf unserer Website die größte Besucherzahl, die wir je an einem einzelnen Tag hatten, und wir hoffen, das führt zu mehr. Autor Jetzt gibt es an Wochenenden sogar Geistertouren durch das Haus, in dem Mark Twain gelebt hat. Die Yankees von heute, unsentimental wie sie sein mögen, scheinen einer kleinen Geistergeschichte nicht abgeneigt. Jeffrey Nichols, Direktor des Mark Twain House nimmt die Hilfe aus der anderen Welt gern entgegen, ihm ist alles recht, was Besucher anlockt. 2. Oton Nichols Sprecher Am 21.April, am hundertsten Todestag von Mark Twain, halten wir eine Séance im Mark Twain House ab, die ist schon ausverkauft, wo wir versuchen werden, den Geist von Mark Twain zu beschwören. Da kommt eigens jemand von Coney Island. Und die Idee ist, dass da Mythen geschreddert werden, das wird lustig, sicher. Mehr können wir nicht sagen. (lacht) Autor Das wäre wohl ein Versuch nach Twains Geschmack - so wie er den Yankee aus Connecticut ins Mittelalter versetzt hat, könnte er sich nach hundert Jahren im Jenseits wieder in unsere Welt zurückversetzen. Und prüfen, ob die Menschheit sich gebessert hat, seit er sie zurück ließ. Sprecherin 1 Der Waffenmeister aus Hartford verspottet das Mittelalter mit all der Arroganz der modernen Welt. Was sind Merlins Zaubereien gegen Späße mit Schießpulver? Was sind reitende Boten gegen das Telefon? Was sind Pergamentkritzler gegen die Herausgabe einer gedruckten Zeitung? Aber dann endet der Klamauk, und König Artus' England zeigt sein Elend: Sklaverei und Brutalität. Doch damit nicht genug. Am Ende erweist sich: Die Neuzeit ist auch nicht viel besser. Der Fortschritt liegt - praktisch, unsentimental, unpoetisch - allenfalls in der Entwicklung der Waffentechnik - Colt sei Dank. Autor Und das ist Mark Twains Stärke - er beginnt komisch und witzig, und dann untersucht er unbeirrbar seinen Stoff bis zum Ende, da, wo es bitter wird. Regie Atmo Autofahrt, dann unterlegen Autor Der Geist von Mark Twain - vielleicht bin ich auf einer Pilgerfahrt zu ihm. Ich bin spät in der Nacht in Hartford im Bundesstaat Connecticut eingetroffen. Hartford liegt auf halber Strecke zwischen New York und Boston, von den beiden internationalen Flughäfen jeweils zwei bis zweieinhalb Stunden Autofahrt entfernt. Nachts um eins besteht Hartford, das gern als die Welthauptstadt der Versicherungen verspottet wird, aus Hochhäusern, Glas- und Stahlpalästen und leeren Stadtautobahnen. Kein Mensch ist auf der Straße. Nur ja nicht falsch abbiegen, denkt der Reisende, und dann in einem dieser falschen Viertel landen wie man sie aus Filmen kennt. Sprecherin 1 Die USA befinden sich in einer prekären Situation. Die Finanzkrise hat das Land gebeutelt. Seit Anfang 2009 sind schon mehr als 160 Banken pleite gegangen. Milliarden von Steuergeldern flossen in die Rettung von Banken, die nicht pleite gehen durften. Die Wirtschaft ist schwer angeschlagen, dementsprechend sind die Steuereinnahmen der Bundesstaaten zurückgegangen. In der Folge sind die staatlichen Leistungen herunter geschraubt worden, manche Behörde existiert nur noch der Form nach, ist aber handlungsunfähig. Dazu kommt die politische Lage - die Republikaner verfolgen mit unversöhnlichem Hass die Regierung des demokratischen Präsidenten Obama. Viele fürchten, die Gesundheitsreform werden die Staatsausgaben und damit die Steuerforderungen in die Höhe treiben, andere glauben, der Sozialismus breche aus. Die Religiösen verachten die Liberalen, der Süden hasst den Norden (noch immer!) , und der Durchschnittsbürger ist wütend auf die Bonusritter der Banken, obwohl die doch eigentlich die Ikonen der amerikanischen Wirtschaftsideologie sind, denn sie machen aus nichts Erkennbarem viel Geld. Das Land ist in einer Identitätskrise. Autor Ich habe Glück, die Satellitentechnologie bewahrt mich vor Ghettos und Rotlichtzonen, kurz nach Mitternacht, zur Geisterstunde, falle ich ins Bett. Twains Geist erscheint mir nicht. Am nächsten Morgen treffe ich Geoffrey Nichols in der ehemaligen Remise des Anwesens von Mark Twain. 3. Oton Nichols Sprecher Im Mark Twain House und Museum geht es um Mark Twain, sein Leben und seine Zeit. Vor allem die zwanzig Jahre, in denen er hier in Hartford lebte, und die 17 Jahre, die er in seinem Haus lebte. Wir sprechen über Mark Twain, den Schriftsteller und Sam Clemens, den Vater, Ehemann, Geschäftsmann. Wir wollen die Leute in die frühen 1880er Jahre zurückversetzen, als Twain und seine Familie ihre glücklichste Zeit hier in Hartford verlebten, als er sehr erfolgreich als Schriftsteller und Redner war. Autor Nichols Büro liegt im Obergeschoss der ehemaligen Remise. Unten waren Pferde und Kutschen untergebracht, hier oben der Kutscher und seine Frau und ihre sieben Kinder. Zeitweilig hat Mark Twain auf dem Heuboden Ruhe gesucht, um schreiben zu können. Hier ist es eng und verwinkelt. Das Museum ist eine Non-Profit- Organisation und lebt von Spenden und die gehen natürlich in das Museum oder das moderne Besucherzentrum. 4. Oton Nichols Sprecher Die meisten unserer amerikanischen Besucher mussten Huck Finn in der Highschool lesen und sie kommen, weil dieses Haus eine Ikone ist. Aber sie sagen uns auch, dass es Mark Twain selbst ist, der sie anzieht, der große amerikanische Schriftsteller. Sie wollen mehr über ihn wissen und warum er ausgerechnet hier in Hartford gelebt hat, und sie wollen auch dieses wunderbare Haus sehen, das er sich hat bauen lassen. Autor "Huckleberry Finns Abenteuer" - Ernest Hemingway sagte, von diesem Roman stamme die ganze moderne amerikanische Literatur ab; vorher habe es nichts gegeben, und danach nichts gleich Gutes. Seine eigenen Werke ausgenommen, vermute ich. Huck Finns Floßfahrt auf dem Mississippi - das Leben kann so frei und schön sein: Regie Musik unterlegen: Nothing out there - Ry Cooder Twain In dieser zweiten Nacht trieben wir sieben oder acht Stunden lang mit einer Strömung, die 'ne Geschwindigkeit von vier bis fünf Meilen in der Stunde hatte. Wir fingen Fische und schwatzen, und hin und wieder schwammen wir ,n bisschen, um nicht schläfrig zu werden. Uns wurde ganz feierlich zumute, wie wir so den großen, stillen Fluss runtertrieben, auf dem Rücken lagen und zu den Sternen raufsahen; wir mochten gar nicht laut sprechen und lachten auch nicht, wir kicherten höchstens leise ein bisschen. Wir hatten im Allgemeinen mächtig gutes Wetter, und weder in dieser Nacht noch während der nächsten oder der übernächsten passierte uns irgendwas. Autor Wir sitzen am Konferenztisch über dem ehemaligen Pferdestall und ich möchte wissen, was Amerikaner an Twains Literatur noch heute fesselt? Die Spur führt uns auf ein amerikanisches Lebensgefühl, meint Jeffrey Nichols. 5. Oton Nichols Sprecher Wir Amerikaner sind stark inspiriert von bestimmten Idealen, wir erreichen sie nie wirklich, aber wir jagen ihnen nach. Und das hat er sich genau angesehen, vor allem in der Zeit der Sklaverei, dann den Bürgerkrieg hindurch und danach. Was er in den 1890ern und Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, sind für mich immer noch gültige Dokumente. Wenn ich zurückdenke an den Beginn des Irakkrieges 2003, als man gegen den Krieg schrieb - da gab es Texte von Mark Twain über den Aufstand auf den Philippinen einhundert Jahre zuvor, wenn man die Wörter Philippinen oder Kuba austauscht gegen das Wort Irak, treffen diese Texte immer noch zu. Ich denke, dass Twain noch immer eine Stimme im Dialog dieser Nation mit sich selbst ist. Autor Meine Vermutung ist, dass Twain aber nicht nur ein amerikanischer Autor ist, weil er sein Land in seiner Zwiespältigkeit so genau beschrieben hat, sondern auch, weil sein Leben ein amerikanisches Leben war. So jedenfalls ist die europäische Sicht. Twain verstand es, den Autor mit dem Geschäftsmann zu verbinden, und was ist ein Amerikaner, wenn nicht ein Geschäftemacher, der dem Dollar nachjagt? 6. Oton Nichols Sprecher Er wollte Geld machen, das ist keine Frage, auch wenn er über das Gilded Age, das Vergoldete Zeitalter geschrieben hat und dessen Exzesse. Er wollte dabei sein. Sein Haus zeigt das in vielen Einzelheiten. Seine Frau Olivia Langdon, die er 1870 in Elmira heiratete, kam aus einer ganz anderen Klasse als er. Sie kam aus einer reichen Familie, und als sie und Sam ihr Haus bauten, sind sie nach Europa gereist, um Möbel zu kaufen. Sie leisteten sich extravagante Reisen nach Europa und kauften das ein, was ihrer Meinung nach bester europäischer Geschmack war. Regie Musik frei und unterlegen: A Cakewalk Contest, The Paragon Ragtime Orchestra Autor 1870 hatte Mark Twain in Elmira im Staat New York Olivia Langdon geheiratet. Seine Lehrjahre lagen hinter ihm - er war Drucker gewesen, Goldsucher, Lotse auf dem Mississippi und Journalist. Dann hatte er mit witzigen Geschichten Erfolg gehabt und gelernt, mit diesen witzigen Geschichten ausverkaufte Säle zu unterhalten. Und damit gutes Geld zu machen. Sein Reisebuch "Die Arglosen im Ausland" war im Jahr zuvor erschienen und ein Bestseller geworden, nur Harriet Beecher Stowes Anti-Sklaverei-Roman "Onkel Toms Hütte" verkaufte sich noch besser. Sprecherin 1 Jetzt wurden sie Nachbarn - auf einem Baugrundstück am Rande von Hartford wurden sechsundzwanzig Wohnhäuser errichtet, darunter das von Harriet Beecher Stowe und Mark Twain, weitere Nachbarn waren Industrielle, Banker, Kaufleute - hier richtete sich eine feine, gebildete, vielleicht auch neureiche Gesellschaft ein. Autor Twain zog 1871 nach Hartford. Das Haus, das er sich baute, sollte demonstrieren, dass er, der aus kleinen, verarmten Kreisen stammte, groß eingestiegen war. Hartford war eine dynamische Industriestadt, auch sehr intellektuell, aber nicht ganz so elektrisch aufgeladen wie New York oder Boston, ein ruhiger, aber viel versprechender Platz für den aufstrebenden Autor. Sprecherin 1 Twains erste und einzige Ausbildung war die zum Drucker gewesen. Von daher war ihm eine Liebe zur Technik geblieben, zum technischen Fortschritt. Twain investierte -zigtausende Dollar in die Entwicklung einer Druckmaschine, von der er glaubte, sie würde - wenn sie irgendwann einmal funktionieren würde - für ihn Geld drucken. Das Monstrum aus unglaublichen 18 000 beweglichen Teilen steht heute im Mark Twain Museum und sieht immer noch aus wie ein Alptraum. Die Maschine riss ihn in den Ruin, ebenso wie ein Verlag, der pleite ging. 200 000 Dollar Schulden lasteten auf Twain und seiner Familie. Als Spekulant war Twain ein Versager. Regie Musik frei und unterlegen: The Rolling Stones: Paint it black Autor Twain war und ist berühmt als der Autor von "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn", diesen berühmten Jungengeschichten aus dem amerikanischen Süden. Die meisten Leser kommen nicht weiter - und verpassen den anderen Twain, den, der versucht, komisch zu sein, aber nicht anders kann als zynisch zu enden. In den 60er Jahren kamen die "Briefe von der Erde" heraus, und sie kamen auch in das katholische Internat, in dem ich zur Schule ging. Die Mönche dort sahen in Mark Twain keine Gefahr, für sie war er nur ein Autor unterhaltsamer Kinderbücher. Auch ich kannte Twain, hatte Tom Sawyer's Abenteuer gelesen. Tom war mir zu angepasst gewesen, dagegen hatte mir der radikalere Huck Finn besser gefallen, der als Außenseiter eben die Gesellschaft mied, in der Tom Sawyer weiter kommen wollte. Dann kamen die "Briefe von der Erde". Satan hat sich im Himmel daneben benommen und wird zur Strafe auf die Erde versetzt, von dort muss er Berichte schicken: Regie Musik unterlegen: Kinko's - Ry Cooder Twain Eine sonderbare Stätte ist das hier, eine außergewöhnliche Stätte und interessant. Der Mensch ist eine wunderliche Kuriosität. Frischweg und allen Ernstes bezeichnet er sich als die "Krone der Schöpfung". Obendrein denkt er, er sei der Liebling des Schöpfers. Er betet zu Ihm und er meint, Er höre dem zu. Er spickt seine Gebete mit primitiven, frechen und blumigen Schmeicheleien und denkt, Gott säße da und schnurre vor lauter Behagen über solche Narreteien und genösse sie. Er betet um Hilfe, um Huld, um Schutz, tagtäglich, und dies voller Hoffnung und Vertrauen, obwohl doch kein Gebet jemals erhört worden ist. Der tägliche Hieb, die tägliche Niederlage entmutigen ihn nicht, er betet nur einfach immer so weiter. In dieser Ausdauer liegt etwas nahezu Erhabenes. Autor Wie immer, beginnt es bei Twain wirklich komisch. Aber je weiter er voranschreitet in seinem Stoff, in der Analyse der Schöpfung dieses Gottes, desto aggressiver und zynischer wird er. Der gute Gott, wie er die Sintflut steigen lässt: Regie Musik unterlegen: Kinko's - Ry Cooder Twain Wenn es ein Motto für ihn gab, so hätte es lauten müssen: "Laßt keinen Unschuldigen entkommen." Man denke daran, was er in der Zeit der Sintflut tat. Da waren Unmengen von kleinen Kindern, von denen er genau wusste, dass sie sich nicht das Geringste hatten zuschulden kommen lassen; aber ihre Angehörigen hatten es, und das genügte ihm. Er sah die Wasser steigen bis zu ihren schreienden Mündern, sah die wilde Angst in ihren Augen, das Flehen auf den Gesichtern der Mütter, das jedes (andere) Herz als das seine gerührt hätte; aber er ließ die kleinen Würmer ersaufen. Autor Die Genauigkeit und Bitterkeit dieser Briefe war überwältigend. Gottes Schöpfung war ein Blutbad, der Mensch ein grausamer Missgriff und Gott ein brutaler Gott. In unserem Internat wanderte das Buch heimlich von Bank zu Bank. Die Lektüre war ein Desaster für die Lehren unserer bigotten Mönche. Wir kannten das Christentum nur aus seinem Eigenlob und seinen Heilsversprechungen. Twain aber zählte nicht nur seine Taten auf - zum Beispiel die Kriege im Namen Gottes - er verriss schon das Konzept. Nach den Schriften der Bibel hat er ihn beurteilt: Regie Musik unterlegen: Kinko's - Ry Cooder Twain Er, der der Allerbarmende genannt wird, er ist ohne jegliches Mitleid. Er schlachtet, schlachtet, schlachtet. Menschen, Tiere, Knaben, Säuglinge, Frauen und Mädchen, außer denen, die noch nicht defloriert sind. Autor Kurz: Sollte es einen Gott geben, so lasen wir aus Twains Zeilen, dann sollte er kommen und sich rechtfertigen. Und es würde ihm wohl kaum gelingen. Satan in seinen Briefen zeigte mehr Moral als Gott. Mark Twain avancierte zu meinem Lieblingsautor. Sprecherin 1 1963 werden die "Briefe von der Erde" aus dem Nachlass herausgegeben. Zu seinen Lebzeiten hatte Mark Twain nicht gewagt, sie zu veröffentlichen, und auch seine Tochter Clara ließ die aggressiven Texte im Tresor. Clara starb 1962, dann erst kamen sie in die Buchläden. Regie Atmo Veranda, darüber: 7. Oton Steve Sprecher Wir sind hier auf der Veranda des Mark Twain House, einer langen Veranda, die "Ombra" genannt wird, was das italienische Wort für Schatten ist. Hier hielt man sich im Sommer auf, wenn von den Wiesen dort unten eine Brise hochzog. Zu Twains Zeiten war dieses Viertel ziemlich so wie jetzt auch, wir blicken über einen Rasen, damals war das hier eine Vorstadt von Hartford, da drüben sehen sie eine moderne Schule und andere Gebäude, die es damals noch nicht gab. Die Weite hat Twain gefallen, er sagte, die Leute hier leben in privaten Hotels mit großen Rasenflächen, Bäumen, ... Autor Mit Steve Courtney stehe ich auf der Veranda von Twains Haus in der Farmington Avenue von Hartford. Es überrascht durch seine Vielzahl von Ecken und Türmchen und Balkons und Terrassen. Das imposante Gebäude ist dreigeschossig und aus roten Backsteinen, einige der Backsteine sind in einem helleren Rot lackiert und formen so ein Muster auf den Mauern. Eigentlich hätte man erwartet, dass diese Steine lasiert sind, aber anscheinend reichte die Lackierung aus, um den gewünschten Eindruck, allerdings deutlich preiswerter, zu erzeugen. 8. Regie Atmo Türöffner, Gespräche, darüber: Autor Im Haus werden gerade Touristen geführt. Der Guide ist ein englischer Schauspieler, der auch in einer amerikanischen Serie mitgespielt hat, den Titel habe ich vergessen. Ich würde gern aufnehmen, was Steve zu erzählen hat, aber mit dem Lärm in Hintergrund wird das nichts. Könnte man King Lear bitten, leiser zu sprechen? Steve lächelt: Wohl kaum! Das würde nicht zu seiner Rolle passen. Wir verabreden uns auf später und ich beschließe, erst einmal zu frühstücken. Regie Musik etwas verzerrt aus einem Radio: Lady Gaga: Poker Face, darüber Autor Wenige Blocks weiter ist ein "Subways", ein Sandwichladen. Ich betrete den Laden, aus dem Hintergrund kommt eine Frau, sagt "Hello" und: "What bread" fragt sie. Ihre Stimme klingt gepresst wie die frühen Sprachmodule aus den Anfängen der Raumfahrt. Ich antworte, ich wäre noch dabei, mich zu entscheiden. "What bread?" drängt das Modul. Mir scheint, es empfängt mich nicht, wer weiß, woher es kommt. Ich zögere noch - "What bread?" Also bestelle ich irgendein Brot, das Modul nimmt irgendein Brot und fragt "Hot?" Es meint wohl "Wünschen Sie ihr Brot überbacken?" und ich sage "Yes please". "What meat?" Der ganze Tresen liegt voll Fleisch und Aufschnitt, ich versuche mir etwas auszusuchen. "What meat?" Offensichtlich tickt eine Uhr, ich nur ich nicht höre. "No meat - Kein Fleisch" sage ich, der größte Teil des Angebots ist damit ausgeschlossen, das wird die Situation entspannen. "What ...?" - Käse sage ich, bevor das Modul seine Datei beendet hat, allmählich beginnt auch in mir etwas zu ticken. "What vegetable?" Warum unterscheiden sich in Amerika Bestellungen nur unwesentlich von Prüfungen? "What vegetable?" Und warum prüft mich ein Automat? Ich beschreibe mit der Hand einen großen Bogen, der alles Grünzeug in der Auslage einschließt. Das Modul bemüht sich, so viel Grünzeug wie möglich auf ein kleines Brot zu häufen, da entdecke ich, dass auch Zwiebeln dabei sind. Ich möchte Steve nicht mit Mundgeruch belästigen und bitte, die Zwiebeln zu entfernen. Das Modul nimmt die Zwiebeln vom Brot und murmelt in einer unverständlichen Sprache ganze, zusammenhängend wirkende Sätze. Der Tonfall ist eher beunruhigend. Ich wage es trotzdem: Könnte ich hier einen Kaffee bekommen - "coffee"? "No!" Das klang in seiner unfreundlichen Art schon fast wieder menschlich. Ich zahle und verziehe mich in eine geschützte Ecke. Das Modul rollt in seine Parkposition hinter dem Tresen. Regie Musik Ende Atmo Bibliothek 9. Oton Steve Sprecher Wir sind in Mark Twains Bibliothek, das war das Unterhaltungszentrum des Hauses. Ich sage Schulkindern, so war das in jenen Tagen, bevor es Dinge gab, die man sich in die Ohren stopfen konnte, oder flackernde Bildschirme, die im Esszimmer stehen. Man würde sich die rechteckigen Dinger auf den Regalen anschauen, das sind Bücher aus dieser Zeit. Damals war das hier die Unterhaltung, die Abenteuergeschichten, die Liebesgeschichten, die Reisen, alles das musste man durch Bücher erleben. Und seine Töchter, Livy, seine Frau, die Gäste verstanden es als ein Privileg, im Winter hier zu sein und auf einer Couch oder einem Schaukelstuhl zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen - oder ein Magazin. Autor Während Steve Courtney erzählt, bin ich versucht, mir Twain in diesem Raum vorzustellen. Seine Lieblingstochter war Susy. Sie war ihm wohl in ihrer Art und mit ihren Interessen am nächsten. Susy schrieb mit 13 Jahren eine Biographie ihres Vaters, aus kindlicher Sicht und mit kindlichen Grammatikfehlern. Regie Musik unterlegen: Ry Cooder - Houston in two seconds Sprecherin 2 Er hat wunderschönes graues Haar, eine römische Nase, die die Schönheit seiner Gesichtszüge sehr vermehrt, gütige blaue Augen und einen kleinen Schnurbart, er hat einen wunderbar geformten Kopf und Profil, kurz er ist ein außerordentlich gut aussehender Mann. All seine Züge sind perfekt außer dass er keine außergewöhnlichen Zähne hat. Autor Die müssen wir uns vom Dauerrauchen übel verfärbt vorstellen. Twain rauchte bis zu 40 Zigarren am Tag, gern auch billige Stumpen. Was für ein Gestank! Dennoch beginnt Susys Biografie mit dem Satz: Sprecherin 2 Wir sind eine sehr glückliche Familie! Autor - und die Jahre in diesem weitläufigen, pompösen, reichen Haus müssen wirklich sehr glücklich gewesen sein. Regie Musik Ende Regie Atmo Brunnen plätschert 10. Oton Steve Sprecher Am Ende der Bibliothek ist dieser wunderbare Wintergarten, eine verglaste Apsis, ein Treibhaus für tropische Pflanzen. So brachten sie den Sommer in den Winter.... Im Wintergarten mit all seinen Pflanzen und Töpfen und dem kleinen Brunnen in der Mitte spielten die Mädchen "Dschungel", wo sie Forschungsreisende waren. George Griffin, der Butler, musste sich als Löwe oder Tiger verkleideten und auch Sam ging runter auf alle Viere und gab den Elefanten - und Susy oder Clara ritten auf ihm. Regie Atmo Ende Autor Während die eine Seite des Wohnzimmers von den bodentiefen Fenstern beherrscht wird, wird die andere Seite von einem gewaltigen Kamin dominiert. Rechts vom Kamin hängt ein Bild, das eine streng blickende Katze mit viktorianischer Halskrause zeigt. Nach links stehen auf dem Kaminsims ein paar Gegenstände, Vasen, Bilder und dergleichen. Noch weiter links, auf der anderen Seite des Kamins, hängt ein Ölgemälde mit dem Titel "Die junge Medusa". Vor dem Schlafengehen musste Twain seinen Töchtern eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Sie begann immer mit der strengen Katze, dann mussten alle Gegenstände auf dem Kamin eingearbeitet werden, und sie endete mit der Medusa. Wenn die Mädchen ihren Vater dabei erwischten, dass er etwas erzählte, was er schon einmal erzählt hatte, musste er zur Strafe wieder bei der Katze anfangen. Regie Atmo Treppe hoch 11. Oton Steve Sprecher Wenn ich Besucher hierher bringe, in das Billardzimmer in der dritten Etage unter dem Dach, dann sage ich ihnen, dass das hier der eigentliche Grund ist, warum wir dieses Haus erhalten - nicht wegen des Billardzimmers, das jeder Gentleman in Hartford gehabt hätte, sondern, was diesen Raum besonders macht, ist, dass Mark Twain hier endgültig beschloss, dass er schreiben könnte, während er sich in Hartford aufhielt. Autor Wir stehen im Herzstück des Hauses, jedenfalls, was mich betrifft. Offenbar hatte Twain die meisten Räume seines Hauses, bis hin zu einem Zimmerchen über dem Pferdestall, daraufhin getestet, ob er dort arbeiten könne. Über den Pferden stank es, in den anderen Räumen war es zu laut. Das Billardzimmer wurde der Arbeitsraum. Der Raum ist groß, trotz der Dachschrägen. In der Mitte steht der Billardtisch, an der Wand wieder ein Kamin. Fenster lassen von drei Seiten Licht herein. Bücherregale an den Wänden. Am hinteren Ende, quer zum Billard, ein großer Schreibtisch mit einer bunten Tischdecke, darauf Papiere, eine Öllampe, der Aschenbecher mit Pfeife, ein imposanter Thronsessel. 12. Oton Steve Sprecher Was wir hier sehen, ist vielleicht Mr. Clemens, wie er in seinem Stuhl saß, seine Rechnungen prüfte, die Investitionen plante für seine Setzmaschine. Dann verwandelte er sich in Mark Twain, setzte sich an den kleinen Tisch, wie er ihn vielleicht in seinem Elternhaus in Missouri gehabt haben mochte und schrieb dort, was er wirklich schreiben wollte. Autor Rechts, ganz hinten in der äußersten Ecke, steht ein kleiner Tisch mit einem einfachen Stuhl davor. Links Wand, vorne Wand, knapp darüber das Dach. Mit der Lampe und den Papieren ist kaum noch Platz für den Aschenbecher. Der Arbeitsplatz von Mark Twain - man sah schon bequemere Löcher für Mäuse. Trotzdem muss Twain außerordentlich viel geschrieben haben. Eine Schätzung behauptet, dass zu dem, was veröffentlicht wurde, ungefähr noch einmal dieselbe Menge unveröffentlichter Texte kommt, meist Projekte, die stecken geblieben waren. Twain war ein unsystematischer, eher planloser Autor. Lief es gut mit einem Projekt, dann schrieb er wie besessen, versiegte die Quelle, wandte er sich anderen Vorhaben zu. 13. Oton Steve Sprecher Hier in der Eingangshalle wurde man als Gast der Clemens begrüßt. Das war, als sie einzogen, noch eine ziemlich schlichte Einrichtung. Sie haben 40 bis 45 000 Dollar für den Bau des Hauses ausgegeben, das kann man für heutige Verhältnisse mit 40 multiplizieren, das wären eineinhalb Millionen nach heutigem Geld. Sieben Jahre später, 1881, kam Tiffany, der später berühmt wurde für seine Glasarbeiten, und er hat mit Schablonen gearbeitet. Man sieht hier diese geometrischen Muster, die aussehen wie Einlegearbeiten aus Elfenbein oder Silber, reiner Betrug, sehr elegant, aber reine Täuschung. Die Idee war, dass in dem abgedämmten Licht diese Muster den Eindruck von Größe erwecken, dass sie an einen persischen oder marokkanischen Palast erinnern sollten. Sprecherin 1 Die Jahre nach 1870, fünf Jahre nach Beendigung des Bürgerkriegs, waren eine Boomperiode, ähnlich wie in Deutschland die Gründerjahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Die Wirtschaft explodierte, beständig wurden neue Erfindungen macht, neue Geschäfte aufgezogen und neues Geld verdient. Wer nicht mitmachte, galt als Idiot oder Versager. 14. Oton Steve Sprecher Diese optischen Täuschungen haben einen ironischen Charakter, denn Twain war derjenige, der den Ausdruck "Gilded Age", "Vergoldetes Zeitalter" geprägt hat. Und in demselben Moment, in dem er sich satirisch über diese reiche, aber unter der Oberfläche verrottete Ära mokierte, machte er für sich dasselbe: Er stattete sein Haus so aus, dass es aussah wie ein Kunstwerk des Vergoldeten Zeitalters. Manche sind da sehr überrascht. Autor Zusammen mit einem Freund aus Hartford hat Twain über diese Zeit einen Roman geschrieben: "The Gilded Age", "Das vergoldete Zeitalter". Der Titel gab der Epoche bis heute ihren Namen, und der Roman beschrieb die Unrast, die Habgier, die Korruption, die Jagd nach dem Geld. Er hätte wissen müssen, wie hohl und verlogen alles war, wonach diese Zeit verlangte, aber er konnte oder wollte sich dem nicht entziehen. 15. Oton Steve Sprecher Man weiß es nicht so recht, es könnte sein, dass er sich selbst nicht entscheiden konnte, ob er es mochte oder nicht. In seinem späteren Leben war er einerseits Verfechter der Gewerkschaften, und er war andererseits gleichzeitig gut befreundet mit einem Top-Manager von Standard Oil und Andrew Carnegie, dem Stahlmagnaten, die genau die Angriffsziele der Gewerkschaften waren. Er konnte sich wohl nicht entscheiden oder er lebte beide Seiten der Medaille. Früher, in den 1950er Jahren, hätten die Psychologen das eine gespaltene Persönlichkeit genannt. Ich denke, sehen sie es sich an und entscheiden Sie selbst. Autor Da waren allein in der Remise am Ende des Grundstücks der Kutscher mit seiner Frau und sieben Kindern. Dazu kamen der Butler, die Köchin, die Angestellte für die stets kränkelnde Ehefrau Livy, der Gärtner und so weiter. Sieben Angestellte sollen im Twainschen Haushalt tätig gewesen sein. Als die Familie Clemens um 1880 auf der Höhe ihres gesellschaftlichen Lebens stand, gab sie, darüber gibt es Aufzeichnungen, in einer Woche 100 Dollar, nach heutiger Rechnung 4000 Dollar, für Lebensmittel aus. Um sich eine Vorstellung zu machen - ein Hausmädchen bekam vielleicht Kost und Logis, verdiente aber auch nur 150 Dollar - im Jahr! Die Familie Clemens lebte mit den Profiten des Herrn Twain aus dem Vollen - eine Zeitlang. Regie Musik frei Muslin Rag , The Paragon Ragtime Orchestra Sprecherin 1 Die Stadt Elmira liegt im Bundesstaat New York. Zu Twains Zeiten war Elmira ein Verkehrsknotenpunkt. In der Stadt gab ein industrielles, merkantil geprägtes Bürgertum den Ton an. Von hier stammte Mark Twains Ehefrau Olivia, genannt Livy. Die Langdon- Familie war im Handel reich geworden. Man war gegen die Sklaverei und für die Ausbildung der Frauen. Olivias Vater unterstützte die Einrichtung des Colleges von Elmira, das die erste Frauenuniversität in den USA war. An dieser Uni studierte später auch Olivia. Vor einigen Jahrzehnten suchte ein verheerendes Hochwasser die Stadt Elmira heim und überschwemmte großflächig die Keller und die erste und zweite Etage der Gewerbegebäude. In der Folge wanderte die Industrie ab und zog auf höher gelegene Areale außerhalb der Stadt. Die Orte rundherum stehen damit wirtschaftlich gut da, Elmira selbst hat mit der Universität den Vorteil eines kulturellen Zentrums, aber sonst nicht viel zu bieten. Kernpunkt der Universität ist das Center for Mark Twain Studies. Regie Atmo Navi, darüber Autor In Elmira versagt mein Navigationssystem. Es kann die Universität nicht finden. Ich weiß, dass ich dicht dran bin, aber nicht, wo genau die Uni liegt. Ich halte vor einem Coffee Shop. Die Kellnerin erklärt mir, wie ich zu fahren habe, weit ist es wirklich nicht. Doch der Ladenbesitzer will kein Risiko eingehen, fürsorglich googelt er den Stadtplan von Elmira und druckt mir eine Karte aus. Er markiert mit Leuchtstift den augenblicklichen Standort und die Route, die ich zu nehmen habe. Im Wesentlichen geht es einfach geradeaus, mit zwei Grad Abweichung nach links, gute achthundert Meter sind zu fahren. Der Manager ist sichtlich zufrieden, dass mir nichts mehr passieren kann, ich werde wieder auf die Tour geschickt. Fünf Minuten später bin ich an der Uni und treffe Barbara Snedecor. Wir gehen über den Campus zu einem leicht erhöht stehenden braunen Holzhaus, das stark einem Teehäuschen ähnelt, aber viel mehr ist. 16. Oton Barbara Sprecherin 2 Zwanzig Sommer lang kam Samuel Clemens oder Mark Twain nach Elmira auf die Quarry Farm, in das Haus seiner Schwägerin. Die Farm lag auf dem East Hill und hatte einen wunderbaren Ausblick, und wenn Samuel Clemens hier in diesem Arbeitszimmer saß, konnte er in der Ferne die wunderschönen, blauen Hügel von Pennsylvania sehen und noch wichtiger, den Chemung Fluss, der seine Erinnerung geweckt hat an einen anderen Fluss mitten in diesem Land, den mächtigen Mississippi. Autor Heute steht das kleine Holzhaus auf einer großen Rasenfläche vor dem altehrwürdigen Hauptgebäude des Elmira College. Vor uns liegt ein kleiner Teich, rundum die Gebäude der Universität, die einen ganzen Stadtteil ausmachen. Einigermaßen erstaunlich, dass das Navi nicht in der Lage war, einen ganzen Stadtteil zu finden. 17. Oton Barbara Sprecherin 2 Hier schrieb er "Tom Sawyer", "Huckleberry Finn", "Der Prinz und der Bettelknabe", "Leben auf dem Mississippi", "Bummel durch Europa" und "Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof". Er entwarf sie in diesem Gebäude und aus seinen Briefen und Tagebüchern wissen wir, dass dieses hier der Ort war, wo ihm die Inspirationen kamen. Die Manuskripte hat er dann mitgenommen nach Hartford oder sogar nach Europa, um sie zu überarbeiten, aber dieses ist der Ort, wo ihm das Schreiben am leichtesten fiel. Autor Der Raum ist vielleicht fünf mal fünf Meter groß und ausgestattet mit einem Tisch, zwei Stühlen, von denen einer historisch sein könnte, und einer Couch. Ein Schaukelstuhl steht noch da, auf den man sich nicht setzen darf, auch der könnte historisch sein. Am Kamin hängen die üblichen Utensilien, die man braucht, um ein Feuer zu unterhalten. Der Raum ist achteckig, in alle Wände sind Fenster eingelassen, nur eine ist für den Kamin vorbehalten. 18. Oton Barbara Sprecherin 2 Acht Uhr morgens, Frühstück im Farmhaus, in der Küche, hinauf auf den Hügel, über die Steinstufen, in diese Schreibklause, die oben auf dem Hügel lag und dann hat er gearbeitet, von acht bis ungefähr fünf, er hat kein Mittag gegessen, er glaubte nicht, dass er das brauchte, er fand, das sei eine unnatürliche Unterbrechung des Tages. Autor Abends traf man sich auf der Veranda mit dem wundervollen Blick über das Tal, die Clemens, die Cranes und all die Kinder und Hunde und Katzen und ein Esel, und Mark Twain las ihnen vor, was er tagsüber in seiner luftigen Klause geschrieben hatte. Zum Beispiel aus Huckleberry Finns Abenteuern: Regie Musik unterlegen: Ry Cooder, Nothing out there Twain Ich schlich mich jetzt jede Nacht gegen zehn Uhr bei irgend ,nem kleinen Ort an Land und kaufte für zehn oder fünfzehn Cent Maismehl oder Speck oder irgendwas zu essen, und manchmal hob ich ,n Huhn hoch, das auf der Stange nicht bequem saß, und nahm's mit. Papa hat immer gesagt, man soll ein Huhn mitnehmen, wenn sich ,ne Gelegenheit bietet, denn wenn man's nicht selber braucht, kann man ganz leicht jemanden finden, der's gern möchte und eine gute Tat wird einem nicht vergessen. Ich habe nie erlebt, dass Papa das Huhn nicht selbst brauchte, aber gesagt hat er das jedenfalls immer. Regie Atmo Hörsaal Sprecherin 1 Elmira College ist entstanden aus dem Gedanken der Frauenemanzipation, die in Syracuse im Staat New York in den 1880er Jahren aufkamen. Von daher sind auch die Farben der Uni, die zunächst eine reine Frauenuni war, lila und gold. Alles ist lila und gold - die Regenschirme, die Basecaps, die Sweatshirts. Die Hängeregister in den Büros sind lila, ebenso die Papierkörbe. Die Briefköpfe sowieso. Auch die Kaffeebecher. Selbst die Flüssigseife auf der Herrentoilette - heute ist Elmira College eine gemischte Uni - ist lila. 19. Oton Raven Sprecherin 2 Meine erste Erfahrung mit Twain hab ich mit zehn Jahren gemacht, wir sind auf einem Familienurlaub in Hannibal, Missouri gewesen, und meine Mutter war ganz außer sich, denn es gibt dort diesen weißen Zaun, der angeblich Tom Sawyers Zaun war. Autor Die junge Studentin mit dem schönen Namen Raven hat nichts von einem Raben. Sie ist mollig, trägt straff zurück gekämmte lange braune Haare, erscheint auf den ersten Blick ein bisschen unbedarft, erweist sich aber als sehr reflektiert. 20. Oton Raven Sprecherin 2 Ich mochte Huck lieber, ich mochte die Freiheit, die er hatte. Bei Tom Sawyer war Huck, ein Kind mit dem man nicht spielen durfte, und das machte ihn schon anziehend, und dann gibt es eben diese Freiheit, die er lebt - bei ihm ist es ein Fluss, aber es ist so als wenn er "on the road" leben würde, und tut, was ihm gefällt. 21. Oton Eric Sprecher Mein Held (lacht) ....? Autor Der junge Student Eric ist stämmig gebaut wie ein Ringer und trägt einen dunklen Bürstenhaarschnitt. 22. Oton Eric Sprecher Heute würde ich sagen, Huck Finn, aber als ich die Bücher zum ersten Mal las, gefiel mir Tom Sawyer besser. Aber ich denke, Bücher ein zweites Mal zu lesen ist wirklich wichtig. Ich habe sie beide zwei Mal gelesen und ich finde Huck witziger, unwiderstehlicher. Wenn ich sagen müsste, wer ich lieber wäre, dann Huck. Autor Die beiden studieren am Center for Mark Twain Studies, zurzeit wird gerade Huckleberry Finn gelesen. In dem Seminar, das am Abend stattfindet, wird unter anderem die Frage nach der Persönlichkeit von Huckleberry Finn gestellt - manchmal scheint es, als habe er keine, denn er kann sich geschmeidig jeder Umgebung anpassen. 23. Oton Eric Sprecher Mir persönlich gefällt das Thema der Identität in allem, und das ist der Faden, der sich durch alles zieht, was ich von Twain gelesen habe, dass seine Figuren herauszufinden versuchen, wer sie sind. Und das macht er auf unterschiedliche Weise, abgesehen von Tom und Huck gibt es da die anderen Beispiele - "Der Prinz und der Bettelknabe" gehört dazu, die Frage, wie bestimmen wir, wer wir sind, wie formt uns die Gesellschaft, was für Kleidung tragen wir, wie reden wir... das fasziniert mich, seine Art Leute anzuschauen und herauszufinden, wer sie sind und warum? Autor Raven sieht in Mark Twain nicht den Erforscher des Individuums, sondern der Gesellschaft. 24. Oton Raven Sprecherin 2 Mark Twain ist eine Ikone, überall gibt es das Foto mit den weißen Haaren, im weißen Anzug, mit dem Schnauzbart und der Pfeife in der Hand, - ich denke, es gibt verschiedene Versionen von Twain: Wir haben Twain den Kinderbuchautor, den Humoristen, den bitteren, älteren Twain. Ich persönlich mag Twain in seiner Sozialkritik. Ich habe meine Probleme mit der Gesellschaft, in der ich lebe, und Twain schafft es gut, sie herauszuheben, schon vor hundert Jahren - er kritisiert Institutionen, Erziehung, Politik, Religion, wie sie Menschen formen, und das beschäftigt unsere Gesellschaft noch heute. Wir sind ein Land mit vielen Institutionen, und Twain hat auf sie gezeigt, und das ist immer noch ein Thema. Autor Eric romantisiert - er sieht in Mark Twain eine amerikanische Freiheitsikone, den Einzelgänger, als den die Amerikaner sich selbst gern sehen, frei, unbeugsam, aufrecht gegen den Rest der Welt. 25. Oton Eric Sprecher Ich würde nicht sagen, dass er notwendigerweise die Quintessenz des Amerikanischen ist, aber er hat diesen freien Geist und diese grundsätzliche Freiheit, die man mit dem Amerikanern in Verbindung bringt. Also, unser Land ist begründet auf der Idee der Freiheit, in dieser Hinsicht sehe ich ihn als Verkörperung Amerikas, dass er sagt, was er will und wenn die Leute es nicht mögen, ist es ihm egal. Autor Was nicht stimmt - die "Briefe von der Erde" beispielsweise hat er erst nach seinem Tod veröffentlicht - aus Angst vor wütender Resonanz. Aber diesen Text kennt Eric nicht, dazu kann er nichts sagen. 26. Oton Raven Sprecherin 2 Ich denke, wir bringen ihn mit Dingen in Verbindung, die wir für amerikanisch halten, - ich komme noch mal auf den Fluss und die Sache mit dem Leben "on the open road" zurück. Ich bin ein Fan von Jack Kerouc, ein anderer Autor, der das Leben "on the road" als zutiefst amerikanisch beschrieben hat, diese Idee, dass man sich selbst in die Hand nehmen und alles erreichen kann. Twain als Reporter, Reisender, er war im äußersten Westen, er hat den Bürgerkrieg überlebt, er ist dieser Mann, der aus dem Nichts kommt und wird, was er will, das halten wir immer für besonders amerikanisch, "der amerikanische Traum", dass man aus der Arbeiterklasse kommt und wird, was man werden will und geht, wohin man gehen will, na ja, das kann stimmen oder nicht, aber wir glauben gern, dass es funktioniert, und Twain hat das gemacht. Autor Ihr Professor hat mitgehört - Michael Kiskis, lange weiße Löwenmähne a la Twain, Zweitagebart, beständig trägt er eine Flasche bei sich mit einer gelblichen Flüssigkeit von unbekannter Herkunft, hoffentlich Apfelsaft. Wieder sind wir bei den bösen "Briefen von der Erde". 27. Oton Kiskis Sprecher Ich glaube, manchmal benutzte Twain das Schreiben als Methode, all das Gift aus sich heraus zu lassen, den Ärger, die Enttäuschung - Schreiben war eine Art, das alles loszuwerden. Wenn er es erst einmal niedergeschrieben hatte, fühlte er sich besser. Nicht nur bei den "Briefen von der Erde" - auch später schrieb er seinen Freunden Briefe und schickte sie nicht ab, weil er so die wildesten Dinge sagen konnte, die seine Freunde verletzt hätten. Wenn er Beschwerden über Gott hatte, schrieb er einen Brief an Joseph Twichell, einen Priester und Freund. Autor Auf der Quarry Farm oberhalb von Elmira bin ich durch die Räume gegangen, durch die Mark Twain gegangen ist. Ich habe den Schreibtischstuhl gesehen, auf dem er gesessen hat und meine Hand auf die Lehne gelegt, auf der seine Hand geruht hat. Die linke, vermutlich die mit der stinkenden Zigarre. Was für mich ein emotionaler Moment war. Als was wollte Twain seinen Lesern in Erinnerung bleiben - als der witzige Schreiber und Entertainer, oder als der seriöse Autor von Texten, die sich mit dem Zustand des Landes und der Menschheit auseinander setzten. Sagt Michael Kiskis: 28. Oton Kiskis Sprecher Ich denke, er wollte als seriöser Schriftsteller bekannt sein. Wir behandeln ihn ungerecht, wenn wir ihn als Humoristen ansehen. Twain selbst sagt, der Humor überlebe eine Generation nur, weil er eine Spur von einer Predigt in sich hat, damit die Leute zuhören. Ich denke, genau diese Aussage zeigt, wie ernst er sein Schreiben nahm, denn die Botschaft musste im Text vorgetragen werden. Der Humor ist ein gutes Gewürz, aber nicht der wichtigste Bestandteil im Schreiben. Je älter er wird, desto mehr verändert sich sein Verhältnis zum Humor und er wendet sich der Satire zu und diese Satire wird immer schärfer, je älter er wird. Autor In Hartford waren Steve Courtney und ich ins Archiv gegangen, weil ich unbedingt einen Satz in Twains Handschrift sehen wollte. Wir nahmen verschiedene Bücher aus den Kartons, in denen sie aufbewahrt werden und blätterten sie durch. Kaum ein Zeichen, Twain war ein sehr sauberer Leser, der keine Haken, Anstreichungen oder ähnliches hinterließ. Doch dann fällt in einem Buch ein mit Tinte geschriebener Satz ins Auge: Twain "Can any plausible excuse be furnished for the crime of creating the human race?" Kann man sich irgendeine plausible Entschuldigung ausdenken für die Erschaffung der menschlichen Rasse? Autor Dieser bittere Satz steht auf einer Seite von Charles Darwins "Journal of Researches" also dem Reisetagebuch der "Beagle". Der Vorwurf geht natürlich gegen Gott, wen sonst? 29. Oton Kiskis Sprecher Er sprach immer von der verdammten menschlichen Rasse. Wenn er sich die Menschheit als Spezies vorstellte, war er überzeugt, wir seien verflucht und dumm und dazu verurteilt, uns selbst zu vernichten. Und letztlich hat er seinen Frieden damit geschlossen, er hat es angenommen. Vor allem, wenn man Darwin nimmt und seine Theorie der Höherentwicklung von einer geringeren Stufe aus, dann hat Clemens, hat Twain immer gesagt, wenn man Menschen mit Katzen kreuzen würde, wäre es schlimm für die Katzen, weil er die Menschheit als eine De-volution statt E-volution ansah, und die Art, wie wir mit einander umgingen, sei schlicht schrecklich. Regie Atmo Navi mit Musik, darüber Autor Am nächsten Morgen fahre ich zurück nach Hartford, Connecticut. Die Straßen sind schadhaft, knöcheltiefe Löcher klaffen in der Autobahn. Die Staaten New York und Connecticut haben ernsthafte Probleme, man sieht es. Es hatte ein Pilgerfahrt werden sollen zu einem meiner literarischen Helden, und das ist es sicherlich auch geworden - aber die Stimmung ist wie das Aprilwetter, das in den Appalachen hängt: Nebel, Regen, Restschnee und nur ab und zu ein wenig Sonne. Zuviel Twain macht bitter - da sind zu viele gescheiterte Träume, zu viele Verluste, viel Hass und Wut. Twain hatte das, was die Amerikaner als "Nehmerqualitäten" bezeichnen. Er konnte einstecken, ohne aufzugeben. Einige sagen, wenn er nicht seinen Humor gehabt hätte, hätte er wohl Selbstmord begangen. Hätte er? Sprecherin 1 Mark Twain war 1835 als Samuel Langhorne Clemens geboren worden, als der Komet Halley über den Himmel zog. Er war fest davon überzeugt, er würde bei Wiederkehr des Kometen, der in der Regel 76 Jahre unterwegs ist, die Erde wieder verlassen. Am 20 April 1910 passierte der Komet Halley den Himmel. Autor Einen Tag später sterben Samuel Langhorne Clemens und Mark Twain. Elf Jahre zuvor hatte der Roman über den "Yankee aus Connecticut", der als fröhliche Aufklärungssatire auf das schmutzige, abergläubische und brutale Mittelalter begonnen hatte, eine pessimistische, fortschrittsfeindliche Wendung genommen. Hank Morgan, der Yankee, erprobter Waffenbauer aus den Colt- Werken in Hartford, befindet sich mit wenigen Getreuen im Endkampf gegen die Ritter Englands. Regie Musik unterlegen Nung River - Sountrack ,Apocalypse Now' Twain Dreizehn Gatling-Geschütze begannen, Tod unter die verurteilten Zehntausend zu speien. Sie standen, sie hielten die Stellung einen Augenblick gegen diesen sengenden Feuerregen, dann brachen ihre Reihen auseinander, sie wankten und sie trieben auf den Graben zu wie Spreu im Sturmwind. Ein gutes Viertel gelangte nie auf den Kamm des hohen Deichs; die übrigen drei Viertel erreichten ihn und tauchten von dort hinab - in den Tod durch Ertrinken. Zehn Minuten, nachdem wir das Feuer eröffnet hatten, war der bewaffnete Widerstand vollständig gebrochen und der Feldzug beendet; wir vierundfünfzig waren die Herren Englands! Fünfundzwanzigtausend Mann lagen als Leichen rings um uns. Regie Musik hoch, kurz frei Autor Aber so funktioniert es nicht - die siegreichen Massenmörder, die sich als die Herren Englands glauben, sterben, vergiftet durch die Leichenfäulnis der von ihnen Getöteten. Twain Kann man sich irgendeine plausible Entschuldigung ausdenken für die Erschaffung der menschlichen Rasse? Regie Musik Schluss 2