COPYRIGHT Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von Deutschlandradio Kultur benutzt werden. Deutschlandradio Kultur Länderreport Vom Gartenzaun zum Grenzzaun? - Zwist auf Alemannisch - Autor Uschi Götz Red. Claus-Stephan Rehfeld Sdg. 07.12.2012 - 13.07 Uhr Länge 19.02 Minuten Moderation Eigentlich gehören sie zusammen - die Alemannen. Also war die deutsch-schweizer Grenze für sie bis dato eher ein Garten-, denn ein Grenzzaun. Überall treffen sie aufeinander: am Bodensee, in den Alpen, am Rhein. Und tatsächlich: Die Menschen auf der einen wie auf der anderen Seite gelten als ein Stamm. Doch davon ist dieser Tage kaum noch die Rede, trotz gemeinsamer Wurzeln, auch sprachlich. Nur : mit der Verständigung scheint es immer schwieriger zu werden. Das hat weniger sprachliche Gründe und ist mittlerweile in einen handfesten Streit ausgeartet. Dabei geht es nicht mal um Fluglärm oder Konten oder CDs. Nein, den Schweizern sollen die deutschen Gastarbeiter zu viel sein. Und die Deutschen sollen sich an den Schweizern stören, die mit dem starken Schweizer Franken in schwachen Euro-Zeiten und mittlerweile auch ohne Kursschwankungen Deutschland als Einkaufsparadies entdeckt haben. Uschi Götz war für uns hüben und drüben unterwegs. -folgt Script Beitrag- Script Beitrag Atmo Drogeriemarkt/ Kasse/ Stimmen AUT Lange Schlangen vor den Kassen, überfüllte Einkaufswagen, leere Regale. Es ist Samstag im deutsch-schweizer Grenzgebiet, und immer samstags kommen die Schweizer. Gegen 11 sind scheinbar alle da. Vor den Kassen im Drogeriemarkt bilden sich lange Schlangen. Die Wartenden scheint es nicht stören, sie unterhalten sich. In Schweizerdeutsch. Atmo (Durchsage): Bitte Kasse eins besetzen. AUT Der schweizer Handelsverband ist entsetzt. Jahr für Jahr wird die Situation schlimmer. Ein Umsatzminus von bis zu acht Milliarden Euro erwartet der Verband für das laufende Jahr. Das sind alarmierende Zahlen für den schweizer Einzelhandel. Auf der deutschen Seite ist man dagegen regelrecht euphorisch. Von Konstanz über Freiburg bis nach Lörrach, die Händler sind schon seit Jahren über die Kauflaune der Schweizer begeistert. E 01 (Frau, Schweiz): Windeln, Schoppenpulver, Shampoo ... AUT Eine junge Mutter legt nach und nach alles auf das Band an der Kasse. Sie lässt sich ihren Einkauf quittieren, später holt sich die Frau wie alle Einkäufer die Mehrwertsteuer wieder zurück. Atmo Autogeräusche, ein- und ausparken, dezent Stimmen AUT Vor der Türe des Drogeriemarktes bricht mittlerweile der Verkehr zusammen. Alle Parkplätze auf dem Areal des Laufenburger Einkaufszentrums sind belegt, immer mehr Autofahrer kurven suchend auf dem Gelände herum. Über 1000 Parkplätze, alles voll. Atmo Kurz "Parkplatz" frei stehen lassen AUT Paare, Familien, ganze Gruppen sind mit Einkaufstüten unterwegs und springen zwischen den Autos hin -und her. Kleidung, Tierfutter, Lebensmittel Drogerieartikel, im Laufenpark gibt es alles. Das Warensortiment richtet sich nach dem Bedarf der schweizer Kundschaft, stöhnt eine Einheimische. Kurz nach 11 Uhr, ein Familienvater steuert seinen Einkaufswagen Richtung Parkplatz. Der Wagen ist kaum noch lenkbar: E 02 (Mann, Schweizer): Pflegeartikel und Reinigungsmittel, das lohnt sich extrem. Da sind vor allem deutsche Produkte, die sind natürlich hier besonders günstig. AUT Der Mann muss den Kofferraumplatz gut einteilen, noch ist die Hälfte der Ware im Einkaufswagen und schon das halbe Auto mit Windeln beladen. "Windeln kosten in Deutschland die Hälfte", sagt der Mann, da lohne sich die Anfahrt über die Grenze von etwa 20 Minuten. Atmo Verkehr /Parkplatz AUT So rechnen viele Schweizer. Die Folge: Staus bei der Anfahrt und sowieso bei der Heimfahrt. Schwungvoll parkt eine Dame mit deutschem Kennzeichen neben den Familienvater. Das Verkehrschaos habe nichts mit der Menge der Fahrzeuge zu tun, glaubt die Frau zu wissen: E 03 (Frau, Deutsche): Manchmal tun sie schon sehr den Verkehr behindern. Sie haben anscheinend keine Ahnung wie man hier in Deutschland fährt. Das nervt auch. Atmo Autogeräusche AUT Die Stimmung ist gereizt, das Verhältnis zwischen den Grenznachbarn - zumindest auf dem Parkplatz - problematisch. Eine andere Dame aus der Gegend rund um Laufenburg berichtet, viele Deutsche hätten sich schon mit den Schweizern abgefunden: E 04 (Frau, Deutsche): Wir gehen schon am Samstag auf Weihnachten, Ostern, Pfingsten, wie auch immer, wir gehen schon gar nicht mehr in den Bereich rein, weil es ist kein Genuss einzukaufen. Wir gehen halt früher. Atmo Kasse, Drogeriemarkt - Blende Alphorn (kurz frei stehend) AUT Die Deutschen haben ein Problem mit ihren schweizer Nachbarn. Nein, es geht nicht um Steuer-CDs, auch nicht um den Fluglärm. Es geht um das Wesen und darum wer von beiden die besseren sind. Da müssen die Deutschen im Ländervergleich immer wieder einmal heftig einstecken und das kennen die als Euro-Retter durch die Welt ziehenden Germanen so nicht. Die Schweizer zeigen den Deutschen regelmäßig, dass alles noch ein bisschen besser geht: noch reicher, noch sauberer, noch pünktlicher, noch fleißiger. Atmo kurz Alpenhorn (sehr ruhig) AUT Vom burn-out-Leben der restlichen Welt scheinbar entrückt, verdienen die Schweizer mehr, zahlen weniger Steuern, und leben noch dazu länger. Das trifft die deutsche Seele im Kern. Erschwerend kommt hinzu: zwischen Deutschland und der Schweiz liegen fast überall keine Felder und Wiesen, die Schweiz beginnt dort, wo Deutschland endet, die Konkurrenz sitzt also regelrecht im Vorgarten. So gibt es natürlich viele Kontakte untereinander. Oft ist die Rede von Paradiesen: Steuerparadies, Einkaufsparadies, Freizeitparadies, doch es gibt auch viele verwandtschaftliche Beziehungen, Freundschaften sowie grenzüberschreitende Liebschaften. Die Grenznachbarn kennen sich, sie verstehen sich meist, sie sind ja auch aus dem gleichen Holz geschnitzt. Diese Geschichte hat einen Bart: E 05 (Moehring): Ja, wir haben hier einen Kinnbart, eines Alamannen, aus dem 7. Jahrhundert. Dieser germanische Stamm der Alemannen, der nach Ende des Römischen Reiches sukzessive das Gebiet am Oberrhein besiedelt hat, spielt für die Identität hier eine wichtige Rolle. Sprachwissenschaftler im 19. Jahrhundert haben ja dann auch durch die Bezeichnung des Dialektes als Alemannisch betont, dass auf deren Sprache, diese Dialektlandschaft zurückgeht. AUT Die jeweilige nationale Prägung führte zu den heute als völlig unterschiedlich erlebbaren Volksgruppen: E 06 (Moehring): In der Schweiz der Freiheitswille, das sich Absetzen vom Deutschen Kaiserreich, hat natürlich eine ganz andere politische Prägung auch zur Folge, als die Entwicklung in Deutschland, die erst sehr spät erst zum Nationalstaat wird. Also wir haben zwar eine gemeinsame, alemannische Besiedlung im frühen Mittelalter, aber sehr unterschiedliche, nationale Entwicklungen in den letzten Jahrhunderten. AUT Nur noch selten erinnert man sich einer gemeinsamen Vergangenheit. Auch sprachlich entwickeln sich die einstigen alemannischen Stammesschwestern und - brüder auseinander. E 07 (Markus Moehring): Vor 60 Jahren haben auch 95Prozent sich hier noch gemeinsam in diesem Dialekt verständigt. Das hat sich in den letzten 60 Jahren sehr verändert. In Südbaden ist das Hochdeutsche immer wichtiger geworden, in Lörrach und Freiburg gibt es zwar noch manche, die Akzent sprechen, aber den breiten Dialekt, der ist eigentlich zunehmend auf das Land reduziert. AUT In der Schweiz passiert genau das Gegenteil: Der Dialekt, in diesem Fall das Schweizerdeutsch, spielt eine immer größere Rolle. In vielen Medien wird nur noch Schweizerdeutsch gesprochen. E 08 (Moehring): Selbst in öffentlichen Veranstaltungen, was vor 40 Jahren undenkbar gewesen wäre, frägt man jetzt: Kann man das nicht im Dialekt machen? Von daher gibt es eine sprachliche Auseinanderentwicklung, entlang der deutsch- schweizerischen Grenze. AUT Markus Moehring ist Leiter des Dreiländermuseums in Lörrach. Das Museum gilt als einzigartig in ganz Europa. Keine andere Ausstellung zeigt so umfangreich und an der einen oder anderen Stelle gar humorvoll die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Länder Deutschland, Frankreich und Schweiz. Moehring beobachtet Berufs wegen seismografisch alle Veränderungen, die sich diesseits und jenseits der Grenze vollziehen. Natürlich: seit Jahren streiten sich die beide Länder in Sachen Fluglärm. Das weiß jeder. Doch die eigentliche Gemütslage bestimmt das Geld: der Euro und die Schweizer Franken: E 09 (Moehring): Es gibt eine interessante Entwicklung, jetzt aktuell mit der europäischen Einigung, mit dem Euro, mit den offenen Grenzen. Da geht ein Stück schweizer Selbstbewusstsein verloren. Der starke Franken, der überlegene Franken, der Franken, der seit über 100 Jahren ständig gilt. Der Euro spielt plötzlich in der Schweiz auch eine gewisse Rolle, die offene Grenze zwischen Deutschland und Frankreich hat noch einmal hier, im Dreiländereck, etwas verändert, was eben noch einmal Deutsche und Franzosen näher zusammengebracht hat. Also es ist ein sehr kompliziertes Geflecht von Selbstbewusstsein, Überlegenheitsgefühl, Unterlegenheitsgefühl, was sich in ganz vielen Situationen dann ganz konkret auswirkt. Atmo Alpenhorn - Blende - Öffnen einer Tür AUT Seitenwechsel . Das Gespräch auf der schweizer Seite beginnt mit einer Klarstellung: E 10 (Dominik Wunderlin, Schweiz): Grundsätzlich muss man sagen: Wir sind auch Alemannen und wir sprechen auch Alemannisch, aber die Unterscheidung wird halt traditionell gemacht, obwohl sie nicht ganz korrekt ist. AUT Also noch einmal alles von vorne: Auf der deutschen Seite die Alemannen, auf der anderen Seite die Deutschschweizer. Falsch. Verantwortlich für den Irrtum: ausgerechnet ein Dichter. Johann Peter Hebel. Hebel prägte das Alemannische, das künftig den Deutschen, den Südbadenern zugeschrieben werden sollte. Dabei war Hebel doch ein Schweizer, 1760 in Basel geboren. Dominik Wunderlin, stellvertretender Direktor am Basler Museum der Kulturen: E 11 (Dominik Wunderlin): Johann Peter Hebel ist ja zwar in Basel geboren und wir können ja nicht ganz genau sagen, wie er geklungen hat. Wir wissen wie er geschrieben hat und die Alemannischen Gedichte und das Ganze, natürlich ist das die Sprache des südbadischen Raumes, des Wiesentals, des Markgräflerlandes. In der Schweiz wird eben dann nicht Alemannisch, sondern Schweizerdeutsch gesprochen. Aber natürlich, der Sprachwissenschaftler wird natürlich sagen: Moment mal! Das ist ja alles Alemannisch, das da gesprochen wird, bis an der Arlberg. Das ist alles Alemannisch! AUT Carola Horstmannn wuchs im Wiesental auf, unweit von dem Ort Hausen, wo auch Johann Peter Hebel einst einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Carola Horstmann schreibt auch Gedichte. Alemannische. Hebel konnte sich noch grenzübergreifend verständigen, das ist heute nicht mehr so leicht möglich: E 13 (Carola Horstmann): Ich mache halt auch die Erfahrung, dass die Schweizer den Hebel umlegen, und mit mir ihr schweizerisches Hochdeutsch sprechen. Ich spreche mein Alemannisch und sie hören nur das Deutsche raus. Mit meiner Basler Freundin rede ich selbstverständlich Dialekt, ich habe ja auch ein paar Jahre in Basel gewohnt, vielleicht ist da auch noch ein kleines bisschen hängen geblieben und das ist nie ein Problem; sie würde nie mit mir dieses etwas gestelzte, schweizer Hochdeutsch sprechen. Aber ich habe das auch schon einmal erlebt, dass mir eine alte Frau, damals habe ich in der Pflege gearbeitet, zu mir sagte: Schwätzed se et so Tütsch. Also da gibt es schon einen kleinen Unterschied. Und manche Schweizer glauben auch, man möchte sich anbiedern, indem man ihre Sprache imitiert. AUT Viele Ratgeber warnen Touristen und Einwanderer regelrecht vor dem Gebrauch der Sprache. Jörn Lacour Autor des Buchs "Deutsche in der Schweiz vom Leben und Arbeiten im Nachbarland" hat viele deutsche Gastarbeiter befragt und formuliert ihre Antworten in Tipps: E 14 (Jörn Lacour): Versuchen sie nicht Schweizerdeutsch zu sprechen. Die Fränkli, das verstehen die Schweizer auch nicht. Es gibt keine Fränkli, es gibt nur Schweizer Franken, darauf legen die tatsächlich wert. Man sollte sich auch beim Bäcker Zeit nehmen für Freundlichkeit. Und wenn man Schweizer kennenlernen will, dann geht man am besten in einen Verein, denn es ist tatsächlich so, nicht die Deutschen sind Weltmeister unter den Vereinsmaier, sondern die Schweizer. AUT Vor allem Gastarbeiter aus dem deutschen Norden besuchen vor ihrem Umzug in die Schweiz einen Sprachkurs. Dabei versteht der sogar der eine oder andere Schwabe auch nicht immer was gemeint ist. Beispiel: das Natzi-Hemd: E 15 (Lacour): Die Schweier nennen ihre Fußballnationalmannschaft abgekürzt ihre Natzi. Das ist auch praktisch für einen Schlachtruf: Schwizernatzi ole ole ... Fußballtrikots heißen deshalb auch Natzi-Hemden. Einer meiner Interviewpartner erzählte mir von einem Radiobeitrag, den er während der EM 2008 in der Schweiz im Auto gehört hat. Da sagte der Moderator: Es seien bereits tausende Deutsche mit ihren Natzi-Hemden nach Basel gekommen, worauf sich der Zuhörer erst einmal erschrocken hat. AUT Im Vergleich zu den Deutschen sprechen die Schweizer neben ihrer Muttersprache meist noch mehrere Fremdsprachen fließend. Doch ausgerechnet dann, wenn sie Hochdeutsch sprechen sollen, was sie in der Schule gelernt haben, immer dann zeigt sich so etwas wie ein Komplex. Und dieser Komplex hat viel mit den Deutschen zu tun. E 16 (Wunderlin) Fakt ist sicher, dass Deutsche durch ihr Mundwerk, durch ihr geschliffenes Mundwerk, vielleicht manchmal auch durch ein schnelleres Reden deutlicher auftreten können und sich auch gut verkaufen können. Das zeigt sich auch teileweise bei Bewerbungsgesprächen sehr gut. Ich habe das auch schon des Öfteren so erlebt. Wenn natürlich Deutsche dann eine Stelle einnehmen, dann kann natürlich das in der persönlichen Befindlichkeit, kann das natürlich sofort zu einer persönlichen Ablehnung führen. AUT Knapp 300 000 Deutsche leben und arbeiten zurzeit in der Schweiz. Etwa 50.000 Menschen pendeln jeden Tag über die Grenze im Südwesten. Markus Moehring: E 17 (Moehring): Allein hier im Raum Basel ist es so, dass jeden Tag 30.000 Menschen in den Großraum Basel von Deutschland in die Schweiz fahren, um dort zu arbeiten. In der Industrie, im Dienstleistungsgewerbe, das ist eine große Anzahl von Menschen, die vom Arbeitsmarkt in der Schweiz leben. Umgekehrt ist es ganz anders: nur 600 Schweizer fahren täglich nach Deutschland über die Grenze. Also hier ist es sehr einseitig in der Richtung. Der deutsche Arbeitsmarkt spielt keine Rolle, der deutsche Handel spielt eine Rolle, die deutschen Dienstleistungen spielen eine Rolle, weil die von Schweizern billig eingekauft werden, im deutschen Grenzgebiet. Arbeitsplätze bietet die Schweiz, nicht Deutschland. Atmo Maschinengeräusch, pneumatisch - kurz frei E 18 (Moehring): Die wirtschaftliche Situation hier im Grenzgebiet ist gut. Auch wegen der stabilen wirtschaftlichen Situation in der Schweiz. Es führt aber auch zu dem Problem, dass gute Arbeitskräfte abwandern in die Schweiz. Ärzte, Pflegekräfte verdienen in der Schweiz sehr viel mehr als in Deutschland und fehlen dann hier im Gebiet. Deshalb rücken dann wieder aus anderen Gebieten Deutschlands Ärzte, Pflegekräfte weiter hier in das Grenzgebiet. AUT Der Ton hinter dem Grenzzaun werde rauer, klagen manche Pendler und deutsche Gastarbeiter. "Es hätt zvill Tüütschi", es hat zu viele Deutsche glauben ein paar schweizer Politiker. Laut einer Zeitungsumfrage findet jeder Dritte Schweizer die Zahl der Gastarbeiter aus dem Nachbarland zu hoch. E 19 (Wunderlin) : Es gibt vielleicht eine generelle Ausländerfeindlichkeit. Aber die muss man jetzt nicht zu hoch hängen. Sie wird vielleicht geschürt durch eine gewisse Partei, die rechtslastig ist. Ich würde das nicht als allgemeines Phänomen bezeichnen, dass die Schweizer besonders deutschfeindlich wären, besonders ausländerfeindlich sind. Basel gilt, das sieht man auch durch die vielen vielen Abstimmungen, immer als sehr offen. Das gilt jetzt auch wirklich für Basel. Weniger offen gegenüber dem Ausland sind eben just jene Kreise, die kaum je einen Ausländer gesehen haben. Nämlich die, die in der Zentralschweiz leben. Das tönt jetzt sehr polemisch, aber es hat was für sich. Je weiter weg man von der Grenze ist, und je weniger man wirklich man wirklich in Tuchfühlung ist mit dem Nachbarn umso reservierter ist man ihm gegenüber. E 20 (Auszug aus Sendung: (Anmoderation Schweizer Fernsehen) Sprecherin, Schweizerdeutsch (overvoiced) "Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg, sind unfreundlich und arrogant. Das sind, grob zusammengefasst, die schlimmsten Vorurteile, wo man in der Schweiz gegenüber unseren deutschen Nachbarn hat. Der Frank Baumann ist denen und anderen Klischees auf den Grund gegangen und hat seine eigene Meinung gründlich korrigieren müssen." AUT Der schweizer Moderator - Frank Baumann - fuhr kreuz und quer durch Deutschland. Er interviewte Dachdecker, Privatdektive, Crepes-Verkäuferinnen, das Glamourgirl Dolly Buster, EX-Außenminister Genscher. Kurz: alles was dem Schweizer typisch Deutsch erschien. Im Schweizer Fernsehen zog Baumann dann eine humorvolle Bilanz seiner Recherchen: E 21 (Frank Baumann/ SF)overvoiced : "Ich habe meine Meinung revidieren müssen. Ich habe zuerst gedacht, die Deutschen sind alles ganz dumme Siechen. Alles Besserwissen, Besserkönner, die im Skilift nach vorne drängeln. Aber das ist jetzt gar nicht so gewesen; ich habe nur nette Leute kennengelernt. Ich sag es ungern: Nur nette Leute habe ich kennengelernt." AUT Und doch, es wir nichts daran ändern, dass die Schweizer tief im Inneren eine gewisse Skepsis haben, was die Grenznachbarn angeht. Dieses Misstrauen ist mit den Kriegen, mit dem 1. Und dem 2. Weltkrieg entstanden. "Dem Vorsatz, aufgrund der Ereignisse der NS-Zeit nie deutschen Boden zu betreten , ist nämlich mancher Schweizer und auch mancher Basler lebenslang treu geblieben", schreibt Dominik Wunderlin in dem Buch "Die Schweiz und der deutsche Südwesten": E 22 (Wunderlin) Die Konflikte, die außerhalb der Schweiz stattgefunden haben, im späten 19. Jahrhundert und auch im 20.Jahrhundert, die haben natürlich den Schweizern nicht nur Freude gemacht. Man musste an die Grenze stehen, das ist etwas unangenehmes, man musste sich militärisch aufrüsten, wegen einem Krieg, den immer die Deutschen angezettelt haben. Viele Leute hat das nachhaltig einfach Probleme gemacht mit den Deutschen, ganz klar. AUT Nach dem 2. Weltkrieg entspannte sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern erst langsam. 1950 wurden zunächst die Bestimmungen für den Grenzübertritt gelockert, vier Jahre später wurde die Visapflicht abgeschafft. Allerdings, so die Erinnerung von Markus Moehring, war man zunächst als Deutscher auf der schweizer Seite eher vorsichtig: E 23 (Moehring): In der Nachkriegszeit war es so - ich bin selber hier an der Grenze aufgewachsen, dass meine Eltern mir gesagt haben: Jetzt müssen wir leise reden, wir sind in Basel. Nicht dass die Basler hören, dass wir Deutsche sind. Weil, es war doch verpönt Deutscher zu sein, gerade nach dem Krieg. Man hat sich als Deutscher, aus dieser Region in Basel unterlegen gefühlt. AUT Überlegen, unterlegen. Die Waagschale zwischen Deutschen und Schweizern ist nie ausgependelt. Doch zumindest die Zuneigung der Baden-Württemberger zu ihren Grenznachbarn scheint unerschütterlich. Jeder zweite Badner und Schwabe würde gerne der Schweiz beitreten. Dies geht aus einer (Zeitungs)Umfrage hervor. Andersherum ist es sicher nicht so und doch: trotz vieler strittiger, politischer Themen, die Grenznachbarn gehören zusammen. Dominik Wunderlin vom Museum der Kulturen in Basel: E 24 (Wunderlin): Der Mensch hier aus der Region Basel und auch der Grenze entlang bis zum Bodensee, der hat seine Freunde, der hat seine Verwandten drüben. Man festet zusammen, man feiert zusammen, man trauert auch zusammen, und da ist nichts von einer Antipathie zu merken. Das geht dann eher vielleicht in den Norden hinein. Gegen die Preußen und da haben wohl die Badner und die Schweizer die gleichen Probleme, nicht? -ENDE Beitrag- 2